Meinung : Gastkommentar: Der Preis der Freiheit

Roger Boyes

Man muss nicht unbedingt den Tempel der Shaolin am Kudamm besuchen, um zu verstehen, dass Stärke zu Schwäche werden kann und Schwäche zu Stärke. Amerikas Stärken - sein hoher Urbanisierungsgrad, seine Mobilität, seine technischen Fähigkeiten, seine Offenheit - haben es zur einzigen Supermacht der Welt gemacht. Genau diese Stärken sind jetzt zu Schwächen geworden; die Terroristen haben Amerika genau so sicher zu Boden geschleudert wie ein Judokämpfer einen muskelbepackten Gegner erledigt.

Sollte Amerika deswegen weniger offen und weniger mobil werden, sich also aus der Welt zurückziehen? Natürlich nicht. Sogar auf dem Tiefpunkt der nationalen Katastrophe verstehen die Amerikaner, dass sie mit einem gewissen Grad an Risiko leben müssen. Aber es wird nun eine Debatte geben - nicht nur in Amerika - über das Wesen einer freien, prosperierenden Gesellschaft. Wer mit der israelischen Luftfahrtgesellschaft El Al fliegt, muss mit mindestens drei Stunden für das Einchecken rechnen. In den USA kann man oft noch zehn Minuten vor dem Abflug ein Flugzeug besteigen. Amerika muss wahrscheinlich einiges von seiner Lockerheit verlieren.

Die Briten beginnen gerade, die gesellschaftlichen und philosophischen Folgen des Terrorangriffs zu verstehen. Wir sind wahrscheinlich das exponierteste Land Europas, wir haben 30 Jahre lang mit irischen Bomben gelebt. Unsere Soldaten sind überall. (In Mazedonien bilden sie das dominierende Kontingent, was Rudolf Scharping offenbar irritiert).

Wir sind anscheinend bereit, ein größeres Lebensrisiko zu tragen als die Deutschen. Doch unsere Stärken können, wie im Fall Amerikas, schnell zu einem Problem werden. Wir leben in einer relativ offenen Gesellschaft. Niemand ist verpflichtet, einen Ausweis bei sich zu tragen; tatsächlich existieren sie gar nicht. Das Ergebnis: Ist ein Asylsuchender einmal nach Großbritannien eingereist, kann er untertauchen. Für unsere Freiheit bezahlen wir einen Preis - indem wir den Kanaltunnel und die Flughäfen scharf kontrollieren. Jeder Nicht-EU-Bürger, der in Heathrow einem Kreuzverhör ausgesetzt war, wird verstehen, was ich meine.

Wir Engländer geben uns nicht der Illusion hin, in einer risikofreien Gesellschaft zu leben. Das hat uns dazu gebracht, Härten zu akzeptieren, die eigentlich gar nicht nötig wären. Erst jetzt, wo unser Gesundheitssystem auseinander bricht, stellen wir fest, dass wir Besseres von unseren Ärzten verlangen könnten; dass man nicht unbedingt sechs Monate auf einen Termin warten oder auf schmerzstillende Mittel verzichten muss. Vielleicht bringt uns der Zusammenbruch des World Trade Centers ja dazu, neu darüber nachzudenken, was wichtig ist im Leben.

Ihr Deutschen hingegen glaubt immer noch, in einer geschützten Welt zu leben. Das führt zu einer widersprüchlichen Politik. Ihr verbannt die Kernenergie wegen minimaler Risiken - wohl wissend, dass es die sauberste Energiequelle ist. Ihr seid die am besten versicherte Nation der Welt. Ihr verklagt TUI, wenn ihr im Urlaub eine Kakerlake seht. Euch ist Ordnung wichtig, und doch scheint ihr in Angst zu leben.

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