Gastkommentar : Der Skandal muss bleiben!

Jeder Religionsdialog muss von dem einander Befremdlichen ausgehen, den Stachel des Skandalons einerseits wahren und andererseits lernen, mit dieser bleibenden Differenz zivilisiert umzugehen. Der hessische Kulturpreis - der Fall Kermani - hält den Christen einen Spiegel vor.

Robert Leicht

Nun wird ja die Verleihung des hessischen Kulturpreises noch eine Weile auf sich warten lassen – auch auf bessere Einsicht? Da müssten einige Leute über ihren Schatten springen – vor allem der Mainzer Kardinal Lehmann und der frühere hessen-nassauische Kirchenpräsident Peter Steinacker, die beide meinten, diesen Preis nicht zusammen mit dem Muslim Navid Kermani annehmen zu können, weshalb der hessische Ministerpräsident Roland Koch brav einknickte und Kermani den Preis wieder entzog. Die beiden Kirchenmänner hatten Anstoß genommen an einem Artikel von Kermani, in dem dieser seinerseits zunächst an einer Kreuzigungsdarstellung heftigen Anstoß genommen hatte – um dann doch den für einen Muslim wiederum anstößigen Gedanken zuzulassen: „Erstmals dachte ich: „Ich – nicht nur: man – , ich könnte an ein Kreuz glauben.“

Kardinal Lehman, den ich nach wie vor aufrichtig verehre, hat nun ärgerlicherweise behauptet, er habe nie den Ausschluss Kermanis vom Preis „auch nur insinuiert“, sondern nur gesagt, er könne ihn selber nicht annehmen. So konnten vielleicht in der alten Bundesrepublik Kirchenmänner genau das durchsetzen, was sie angeblich nicht einmal insinuieren wollten, weil sie sich auf den vorauseilenden Gehorsam der Politik verlassen konnten. Roland Koch ist in diese Zeiten zurückgefallen, in denen zum Beispiel der damalige Münchner Erzbischof Ratzinger die Nachfolge von Johann Baptist Metz auf dem Lehrstuhl von Karl Rahner allein dadurch verhindern konnte, dass er den Kultusminister Hans Maier – ohne natürlich irgendetwas zu insinuieren – dazu brachte, Metz gar nicht erst zu berufen, damit er ihn nicht mit seinem bischöflichen Veto zu blockieren brauchte. Schade, dass der bedeutende Rahner-Schüler Lehmann sich jetzt so verhielt.

Schade auch um der Sache willen! Dass die Christen sowohl mit ihrem Glauben, Jesus sei Gottes Sohn, als auch mit ihrem Glauben, ein Gott könne sich mit seinen Geschöpfen derart gemein machen, also derart erniedrigen und solidarisieren, dass er sich von ihnen und für sie am Kreuz ermorden lässt – dass Christen damit allen anderen Religionen einen Skandal boten, das wusste niemand besser als der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther: „Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ Hätte es damals schon Muslime gegeben, Paulus würde sie gewiss in die Verächter dieses Glaubens eingereiht haben. Paulus jedenfalls hätte sich über heftige Auflehnung Kermanis gegen dieses Zentrum des Christenglaubens nicht gewundert, sondern sie vielmehr als Zeichen dafür genommen, dass er ihn wenigstens in seinem harten Kern ernst nimmt.

Das aber ist in unserem Christentum, vor allem in manchen protestantischen Spielarten, nicht mehr unbedingt der Fall. Gerade Peter Steinacker stand für eine Strömung im Protestantismus und für eine Landeskirche, in der man dieses Skandalon des Kreuzes nur zu gerne abschliff, bis hin zu dem Versuch, für den Frankfurter Kirchentag 2001 eine Abendsmahlsliturgie zu „erfinden“, bei der die paulinische Anstößigkeit des Sohnesopfers am Kreuz schön applaniert werden sollte. Jetzt sich im Fall Kermani als neo-orthodox zu gebärden, wirkt jedenfalls schon recht absurd.

Jeder Religionsdialog muss von dem einander Befremdlichen ausgehen, den Stachel des Skandalons einerseits wahren und andererseits lernen – allein darauf kommt es an –, mit dieser bleibenden Differenz zivilisiert umzugehen. Ich selber fühle mich in der deutlichen Wahrnehmung und Wahrung der Differenz jedenfalls eher geachtet als in dem scheinkonsensuellen Mantra „Wir glauben doch irgendwie alle an irgendeinen Gott“.

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