Gastkommentar : Der Westen kuscht

Gegen das iranische Atomprogramm helfen nur harte Sanktionen, meint Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Stephan J. Kramer

Vergangene Woche erklärte Amos Yadin, Chef des israelischen Armeenachrichtendienstes, der Iran habe die technologische Schwelle zum Bau der ersten Nuklearwaffe überschritten. Im Klartext: Das Ajatollah-Regime verfügt über ausreichend Know- how, Ausrüstungen und Ausgangsmaterialien für den Bau einer Atombombe. Auch der amerikanische Generalstabschef, Admiral Mike Mullen, und die Internationale Atomenergieorganisation räumen inzwischen ein, dass der Iran über genügend Uran verfüge, um nach weiterer Anreicherung einen militärischen Kernsprengsatz zu bestücken. Es bliebe nicht bei einem. Binnen eines Jahrzehnts könnte der Iran über ein ansehnliches Kernwaffenarsenal verfügen.

Diesen Triumph hat Teheran nicht nur der eigenen Entschlossenheit, sondern auch dem Wankelmut der internationalen Gemeinschaft zu verdanken. Die iranischen Strategen wussten seit langem, dass hinter den zahnlosen internationalen Sanktionen keine wirkliche Konfrontationsbereitschaft stand. Und als der Iran die Atomverhandlungen mit Europa als Deckmantel für die Weiterentwicklung seiner Atomwaffen missbrauchte, geschah das mit vollem Wissen des Okzidents und wurde im Iran als stille Ermutigung gewertet. Auch das neue amerikanische Dialogangebot wird im Iran als Zeitgewinn für die Atomingenieure bejubelt.

Ist die Gleichgültigkeit des Westens damit erklärt, dass der Iran die Auslöschung Israels auf seine Fahnen geschrieben hat? Für viele Bürger der freien Welt wäre der Atomtod von einigen Millionen Juden kein Grund zur Aufregung – geschweige denn zum Handeln. Allerdings ist das eine ebenso unmoralische wie unsichere Rechnung. Gerade für Europa wäre ein atomarer Iran nämlich ein strategischer Albtraum. Hinter einem atomaren Schutzschild kann die iranische Führung ihren Traum von einem iranisch dominierten Nahen Osten weitgehend ungehindert verfolgen. Dazu gehört sowohl die Einsetzung islamistischer Regime in möglichst vielen Ländern der Region als auch der Griff nach Ölquellen im Irak und auf der Arabischen Halbinsel. Bezeichnenderweise hat Ali Akbar Nateq-Nuri, ein einflussreicher Berater des geistigen Führers Ali Chamenei, vor einem Monat das kleine Königreich Bahrain für den Iran reklamiert.

Der Anspruch ist nicht neu. Dass er aber gerade jetzt erneuert wurde, ist eine Kampfansage an die Völkergemeinschaft und gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Methoden, mit denen ein atomarer Iran die Vorherrschaft in Europas nahöstlicher Nachbarregion anstreben kann.

Mehr als das: Auch eine direkte militärische Bedrohung Europas ist zu befürchten. In den letzten Jahren haben iranische Vertreter das parallel zum atomaren Aufbau verfolgte Raketenprogramm als eine „Warnung an Feinde außerhalb der Region“ definiert. Nach dem Start des iranischen Omnid-Satelliten vor sechs Wochen warnte Professor Jitzak Ben-Israel, ehemaliger Leiter des israelischen Waffenentwicklungsprogramms, die gleiche iranische Trägerrakete könnte auch nukleare Gefechtsköpfe nach Europa befördern. Da hilft kein Kuschen: In den Augen der iranischen Führung gelten Schwächlinge nicht als Freunde, sondern als leichte Beute.

Oder hoffen abendländische Biedermänner, der jüdische Staat werde als Hauptbetroffener die iranischen Atomanlagen mit einem militärischen Schlag ausschalten und ihnen die Arbeit abnehmen? Schließlich haben führende israelische Politiker einen atomaren Iran als unannehmbar bezeichnet und wiederholt erklärt, Israel halte sich „alle Optionen“ offen. In Wirklichkeit aber sind Israels militärische Möglichkeiten weitaus geringer als die der USA. Nach Expertenmeinung wird Jerusalem selbst im äußersten Fall von einem Schlag absehen, wenn das iranische Programm dadurch nur für eine begrenzte Zeit aufgehalten werden kann. Wenn es noch einen sicheren Weg gibt, die iranische Atombombe zu verhindern, so sind es umfassende Sanktionen, die das Überleben des Regimes infrage stellen. Unterbleiben sie, muss die Völkerfamilie für ihre Tatenlosigkeit vielleicht schon bald einen hohen Preis zahlen.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland.

0 Kommentare

Neuester Kommentar