Meinung : Gastkommentar: Deutsch-Französische Kinderkriege

Pascale Hugues

Maman, wer hat den Krieg gewonnen?" Die Frage meines viereinhalbjährigen Sohnes traf mich etwas überraschend. Wir hatten gerade die Gedächtniskirche passiert und steuerten auf den Haupteingang des KadeWe zu.

Mir war ja klar gewesen, dass diese Frage eines Tages kommen würde. Eine dieser typischen Kinderfragen: abrupt, direkt und eindringlich. Eine Frage, die man nicht einfach abtun konnte nach dem Motto: "Dafür bist du noch zu klein, das erklären wir dir später." Und es war auch keine Frage für eine Notlüge, mit der man die kindliche Gutgläubigkeit ausnutzt.

Im KadeWe herrschte bereits das jedes Jahr wiederkehrende Gedränge der Vorweihnachtszeit. Wir bahnten uns unseren Weg. Der Kleine wiederholte seine Frage. "Na ja, die Engländer, die Amerikaner, die Russen ...", begann ich vorsichtig und kam prompt an dem Punkt ins Stocken, an dem es kompliziert zu werden beginnt. Mein Sohn gab sich damit nicht zufrieden. "Und die Franzosen, Maman? Haben die Franzosen auch gewonnen?" Ich musste kurz schlucken, während wir an einem riesigen Christbaum vorbeigingen, mir fiel dann aber nichts Besseres zu sagen ein als: "Naja, die Franzosen haben schon auch ein bisschen mitgewonnen."

Doch die Kinderwelt ist schwarz und weiß - entweder man gewinnt oder man verliert. Wie im Fußball. Als wir den Aufzug betraten, warf er mir einen misstrauischen Blick zu, der mich fast wie ein Keulenschlag traf. "Und die Deutschen, Maman?" Nun schaute mir der kleine Deutsch-Franzose direkt in die Augen. Ich nahm das Herz in beide Hände. "Die Deutschen haben den Krieg verloren. Aber der Krieg ist kein Spiel wie der Fußball." Glücklicherweise öffneten sich die Fahrstuhltüren in diesem Moment und ins Blickfeld meines Sohnes gerieten die Aquarien mit den Aalen und Forellen. Diesmal hatte ich mich gut aus der Affäre gezogen.

Kinder geben jedoch nicht so leicht auf, wenn es darum geht, die großen und ein wenig bedrohlichen Geheimnisse zu durchdringen. Einige Tage später kam er auf die Angelegenheit zurück. "Heute haben die Deutschen gewonnen, Maman." Die Regierungschefs der Staaten der Europäischen Union hatten ein paar Tage lang in Nizza konferiert, und fast überall in Europa konstatierte die Presse ein "französisches Waterloo". Deutschlands Rolle in der künftigen, nach Osten erweiterten Europäischen Union sei gewachsen, Frankreichs geschrumpft. War mein Sohn im zarten Alter von viereinhalb Jahren etwa bereits ein vollendeter politischer Analytiker? Ich erschrak ein wenig.

Aber der Kleine plauderte munter weiter: "Einmal gewinnen die Deutschen, ein anderes Mal die Franzosen. So ist das eben, jeder ist mal dran." Ach, wenn doch die europäischen Gipfel die Regeln respektieren würden, die die Kleinen im Kindergarten aufschnappen.

Die Autorin schreibt für das wöchentlich erscheinende französische Magazin "Le Point".

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