Gastkommentar : Deutschland? Nichts wie weg hier!

Deutsche Alarmglocken: niedrige Geburtenrate, zu viele Auswanderer. Ein Gastbeitrag von Kostas Petropulos

Kostas Petropulos
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Foto: privat

Zu den Stars der Bundesregierung gehört Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Ihr hohes öffentliches Ansehen verdankt sie zwei zielstrebig vorangebrachten Projekten: Dem neuen Elterngeld und dem Programm zum massiven Ausbau des Kleinstkindbetreuung. In Deutschland gibt es die Hoffnung, dass dadurch endlich wieder die Geburtenzahlen kräftig nach oben steigen. Schließlich ist es mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass unser Land vergreist, die Wirtschaft bedroht ist und unser Sozialstaat nicht mehr finanzierbar wird, wenn es nicht mehr Kinder gibt.

Daher blickt nicht nur die Familienministerin höchst gespannt auf die jeweils neuesten Babyzahlen. Als das europäische Statistikamt kürzlich meldete, dass „außer in Deutschland die Bruttogeburtenziffer zwischen 2007 und 2008 in allen Mitgliedstaaten stieg“, war das ein Tiefschlag für die Ministerin. Umgehend trat sie den Beweis an, dass die deutsche Geburtenrate um wenige Promille zugelegt habe.

Dieser kuriose Streit sorgte für Aufsehen – ganz im Gegensatz zu einer Meldung des Statistischen Bundesamtes, die dank ihrer harmlosen Verpackung keine größere Beachtung gefunden hat. Im Juli teilten die Statistiker lapidar mit: „Zuwanderung nach Deutschland 2008 konstant geblieben“. Dabei hätte die Überschrift ganz anders lauten müssen: „Deutschland zum Auswanderungsland geworden“. Erstmals seit 22 Jahren haben mehr Menschen das Land verlassen als zugezogen sind. Vor allem die Abwanderung von jungen Deutschen ins Ausland hat weiter angehalten.

Die Tragweite dieser Entwicklung ist der Politik anscheinend nicht bewusst und erst recht nicht der Öffentlichkeit. Bei allem notwendigen Engagement für mehr Kinder im Land muss man sich eine Tatsache klarmachen: Trotz aller Bemühungen stagniert die deutsche Geburtenrate faktisch seit mehr als drei Jahrzehnten mit rund 1,4 Kindern pro Frau auf niedrigem Niveau. Dass die Bevölkerung in Deutschland dennoch über Jahrzehnte gewachsen ist, verdankt sie allein den Millionen von Zuwanderern. Sie haben nicht nur das Arbeitskräftepotenzial erhöht, sondern sie sind auch eine zentrale Größe für die Finanzierung des Sozialstaates.

Als im Juli die Bundesbank auf die Notwendigkeit hinwies, nach dem Jahr 2030 das Renteneintrittsalter von 67 auf künftig 69 Jahre zu erhöhen, waren die Proteste groß. Dabei sind die Bundesbanker noch von einer vergleichsweise optimistischen Grundannahme ausgegangen: Sie rechnen damit, dass pro Jahr 160 000 Menschen mehr nach Deutschland kommen, als das Land verlassen werden. Die Bundesregierung unterstellt sogar 200 000 jährlich gewonnene Zuzügler.

Wenn aber unterm Strich tatsächlich niemand mehr kommt oder sogar mehr Menschen das Land verlassen, dann sind alle Rechnungen über die künftige Stabilität der Renten-, Pflege- oder Krankenversicherung Makulatur. Damit wäre der gesamte Sozialstaat heutiger Prägung nicht mehr finanzierbar.

Die aktuellen Auswanderungszahlen sind ein Fanal, eine unmissverständliche Aufforderung zur grundlegenden Neuorientierung unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Ganz offenkundig haben wir Rahmenbedingungen geschaffen, die den Menschen schon längst keine besonders große Lust auf Kinder machen. Jetzt ist sogar der Punkt erreicht, wo eine wachsende Zahl von tüchtigen jungen Leuten und eben auch Deutschen nicht einmal mehr in diesem Land leben will.

Eigentlich müssten da in der Politik alle Alarmglocken schrillen. Stattdessen fabuliert die Regierung von Rentengarantien und der Bundestagswahlkampf dümpelt so vor sich hin. Zu seinen bisherigen Höhepunkten gehört der heftige Streit um den Einsatz von Minister-Dienstwagen im Urlaub und auf Privatfahrten. Das freilich dürfte sehr bald die geringste Sorge sein, die den Bürgern Kopfzerbrechen bereitet.

Der Autor leitet das Heidelberger Büro für Familienfragen.

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