Gastkommentar : Deutschland träumt von Assimilation

Das Verständnis der Nation ist in Deutschland bis heute ein nichtwestliches, das heißt ethnisches. Ein Gastkommentar des Politikwissenschaftlers Jerzy Macków.

Jerzy Macków
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Foto: promo

Die Assimilation von Einwanderern ist in jedem Land möglich. Selbst in Deutschland gelang die Assimilation ausgerechnet der Juden und auch vieler Polen im 19. Jahrhundert, obwohl das deutsche Verständnis der Nation bis heute ein nichtwestliches, das heißt ethnisches ist: Als echte Deutsche werden nur diejenigen gesehen, deren Eltern auch „echt deutsch“ sind. Wenn aber die kulturelle Kompatibilität der Immigranten und die Attraktivität der Mehrheitsgesellschaft gegeben sind, kann die Assimilation sozusagen von alleine in einigen Jahrzehnten vollzogen werden.

An der Integration – von der Assimilation ganz zu schweigen – der Einwanderer mit fremdem Kulturhintergrund ist ausgerechnet das demokratische Deutschland kläglich gescheitert. Denn nur in solchen Ländern, wo die Nation nicht ausschließlich ethnisch, sondern auch politisch definiert wird, ist die Integrationsfähigkeit tatsächlich ausgeprägt. In diesen Ländern gelingt es für gewöhnlich, bereits Immigranten der ersten Generation zu integrieren, ohne jahrzehntelang gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass sie die Sprache ihres neuen Landes lernen sollen. Wenn sich die Einwanderer in ihrem neuen Land wie im neuen Vaterland fühlen, dann haben sie eine selbstverständliche Motivation, ihre neue Sprache zu lernen.

Sie fühlen sich in ihrem neuen Land wie zu Hause, wenn auf sie hier Arbeit statt sozialer Leistungen wartet. Heimisch fühlen sie sich, wenn sie einem Konkurrenzdruck ausgesetzt sind und nicht dem Vorwurf, sie würden für weniger Geld mehr arbeiten wollen als die Einheimischen. Der schnelle, nicht zuletzt ökonomische Erfolg der Eltern macht es in einer Einwanderungsgesellschaft möglich, dass die Assimilierung der Kinder einfach der Zeit überlassen werden kann. Dabei haben Einwanderungsgesellschaften die Kraft, auch mit den Eigenarten der Einwanderer zurechtzukommen. Einen amerikanischen Präsidenten, der sich gegen türkische oder mexikanische High Schools aussprechen würde, gibt es nicht. Ein US-Präsident, der Chinatown in Washington als Beispiel der misslungenen Integration kritisieren würde, ist nicht vorstellbar.

Deutschland hat die Integrationsfähigkeit nicht, obwohl das Ausmaß des selbst verschuldeten Einwanderungsbedarfs sicher nicht kleiner als in den USA ist. Den Traum der meisten Deutschen stellt die Assimilation der Ausländer, nicht deren Integration dar. Dieser Traum muss die Einwanderer abschrecken. Sie haben doch keine Chance, die Einheimischen so zu imitieren, dass sie nicht als Imitatoren erkannt, verspottet, benachteiligt und gar nicht so selten – buchstäblich – getreten werden. Die irrationale Erwartung der meisten Deutschen, die Ausländer möchten sich ihnen angleichen, geht sowohl auf die inkompetenten Eliten als auch das Volk zurück. Ralph Giordano wusste sehr wohl, dass man in Deutschland damit positive Resonanz erzielen kann, wenn man Frauen in Burkas den Pinguinen gleichsetzt und dies mit der „Angst des Bürgers“ vor dem Fremden begründet. Sowohl die Eliten als auch das Volk sind mit Art. 116 des Grundgesetzes sehr gut bedient, in dem das Deutschtum ethnisch definiert wird.

Es war schon ein Ausdruck der bodenlosen Ignoranz, als „billige Arbeitskraft“ in ein solches Land ausgerechnet Muslime zu holen. Zugleich war gerade in einem Rechtsstaat, der der Menschenwürde verpflichtet ist, die bis in die 80er Jahre latent gepflegte Hoffnung naiv, man würde die Türken wieder ausladen können, sobald sie auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht werden.

So ist es: Eine Nation ohne Integrationsfähigkeit schafft Probleme mit ethnischen Minderheiten, die so lange nicht lösbar sind, solange sich die Nation nicht ändert. Ob sie sich überhaupt ändern kann, ist ungewiss. Man soll aber nicht denken, dass die Behebung der Probleme irgendetwas mit türkischen Gymnasien zu tun hat.

Der Autor ist Politikwissenschaftler an der Uni Regensburg. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Autoritarismus in Mittel- und Osteuropa“ (VS Verlag 2009).

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