Gastkommentar : Die deutsche Internationalmannschaft

Die Eltern von Mesut Özil (Werder Bremen) stammen aus der Türkei. Er selbst ist in Gelsenkirchen aufgewachsen. Und er ist nicht allein in unserer Internationalmannschaft. Foto: AFP
Die Eltern von Mesut Özil (Werder Bremen) stammen aus der Türkei. Er selbst ist in Gelsenkirchen aufgewachsen. Und er ist nicht allein in unserer Internationalmannschaft. - Foto: AFP

Knapp die Hälfte der deutschen Spieler hat einen Migrationshintergrund. Sie deswegen als nichtdeutsch zu bezeichnen, ist nicht zutreffend und irgendwie von vorgestern. Ein Gastkommentar.

Ich bin eine Frau und ich liebe Fußball. Damit widerspreche ich den gängigen Klischees. Wann immer die deutsche Nationalmannschaft spielt, sitze ich mit meiner kleinen Deutschlandfahne wie gebannt vor dem Bildschirm. Wenn es mal etwas zu fluchen gibt, tue ich das ganz selbstverständlich auf Farsi, und meine Gebete an den Fußballgott sende ich ebenso selbstverständlich auf Deutsch. Die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 hat mich mit Stolz erfüllt. Die Welt konnte sehen, was für mich schon lange sichtbar war: mein Zuhause ist ein weltoffenes Land.

Bei der jetzigen Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ist nun etwas anderes sichtbar geworden: dass Deutschland ein Land mit Menschen ist, die aus unterschiedlichen Teilen der Welt hier ihr neues Zuhause gefunden haben.

Auch das ist für mich keine große Neuigkeit – aber es ist noch einmal ganz deutlich für jeden an der Zusammensetzung der Nationalmannschaft abzulesen. Etwa die Hälfte der deutschen Spieler hat einen Migrationshintergrund. Sie deswegen als nichtdeutsch zu bezeichnen, ist nicht zutreffend und irgendwie von vorgestern. Denn viele dieser jungen Sportler sind in diesem Land geboren, haben vielleicht einen deutschen Elternteil oder sind durch ihre Einbürgerung deutsche Staatsbürger geworden. Für Deutschland ist Immigration ein neuartiges Phänomen – und war lange mit der Vorstellung verbunden, dass diese Menschen als Gastarbeiter zu uns gekommen sind, eine begrenzte Zeit hier verweilen und dann wieder zurück in ihre Heimat gehen.

Dieses Land ist aber längst für viele Migranten zur neuen Heimat geworden. Und daher sollten wir – unsere Nationalmannschaft vor Augen – den Fokus auf Fragen legen, die den Weg in die Zukunft weisen. Mezut Özil spielen zu sehen, ist eine unglaubliche Freude. So sehr auch diese Freude überwiegt, stellt man sich unweigerlich die Frage: Warum schlagen andere junge Migranten nicht einen ähnlichen Erfolgsweg ein? Welches ist der Knackpunkt, an dem sie scheitern? Ist es mangelnde Unterstützung aus der Familie, sind es ungleiche Startchancen, ist es zu wenig Anerkennung und auch zu wenig Eigenleistung? Wenn man sich die erfolgreiche Biografie von Özil anschaut, dann muss man antworten: Es ist eine Mischung aus diesen Faktoren. Gezielt gefördert von Eltern, Fußballverbänden und Vereinen; Disziplin verbunden mit kreativem Spiel und die frühe Entscheidung seine Zugehörigkeit zum deutschen Nationalteam zu bekunden, trotz sicherlich verlockender Werbeversuche des türkischen Nationaltrainers. Und nicht zuletzt die Anerkennung seines Könnens.

Özil ist ein fester Teil dieses Teams – wie jeder andere in der Fußballmannschaft ein individueller Einzelkämpfer mit viel Ehrgeiz, aber alle gemeinsam spielen für ihr Land. Mannschaftssport zehrt aus diesen individuellen und gemeinschaftlichen Facetten. Und auch deswegen ist der Mannschaftssport ein Abbild unserer Gesellschaft: Individuelles Glück ist ein wesentlicher Bestandteil, um Zusammenhalt und ein Gefühl von Zugehörigkeit zu entwickeln. Nur so kann sich Identität entfalten.

Wir können und müssen Migranten zu deutschen Staatsbürgern machen und uns dabei immer bewusst sein, dass Identitätsfindung ein Prozess ist. Gefördert von Erfolgserlebnissen. Erfolgsmomente, die die Zukunft junger Menschen besonders prägen, kann ein Staat nicht dirigieren. Doch eine Aufgabe müssen Zivilgesellschaft und Staat gemeinsam lösen: Anreize schaffen und dort mehr fordern, wo bisher zu wenig Eigenleistung erfolgt ist.

Das Schlüsselwort ist eben nicht Multikulti, denn das bedeutet Parallelwelt. Nein, der Schlüsselsatz lautet: Vielfalt in Einheit. Sich seinem Land verbunden zu fühlen und seine individuellen kulturellen Wurzeln zu hegen, ist kein Widerspruch. So zeigt es uns gerade unsere großartige Nationalelf.

Die Autorin wurde in Teheran geboren, wuchs in Deutschland auf und studierte Theaterwissenschaft, Amerikanistik und Soziologie.

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