Meinung : Gastkommentar: Die Gentlemen-Penner

Roger Boyes

Als Student, in den frühen 70er Jahren, bekam ich ein Stipendium vom Informationszentrum in der Hardenbergstraße. Meine Pflichten dabei waren recht unklar. Dieses Informationszentrum des Berliner Senats war ein Mysterium. Es hatte keinen besonderen Zweck, außer dem, ein paar Leute glücklich zu machen, indem man Senatsgelder für sie ausgab.

So hatte ich Zeit, sehr viel Zeit, und die schlug ich im British Council, im ersten Stock des Gebäudes, tot. Dort hingen hauptsächlich Obdachlose und Stricher rum, die vom Bahnhof Zoo rübergeschwappt waren und im Council einen komfortablen Ort sahen, um sich vor der Berliner Polizei zu verstecken. Als Folge waren die Berliner Penner bemerkenswert gut über die britische Politik informiert. Irgendwie scheint diese Tradition anzuhalten. Mein MOTZ-Verkäufer zeigt großes Interesse an Tony Blair. Der Tony, der so viel dafür getan hat, dass die Anzahl der Obdachlosen in London steigt.

Das British Council hatte seine größte Wirkung, als er noch ein ruhiger Leseraum war. Über 60 Lesesäle gab es in West-Berlin nach dem Krieg. Alle waren warm und einladend, das prägte jahrelang das Bild der Deutschen von England. Seinen Charme begann das Council zu verlieren, als die Stühle härter wurden und man Computer installierte. Die Leute wollen keine online-Informationen vom British Council. Dazu können sie auch zu Hause bleiben. Sie wollen eine Oase in der Innenstadt, mit Büchern anstelle von Trainingsmaschinen.

Doch die Bürokraten, die das British Council leiten, haben das nicht begriffen. Sie haben nur die sinkenden Besucherzahlen in München, Hamburg und Köln registriert und nun entschieden, diese Councils zu schließen. Nur in Berlin bleibt eins, am Hackeschen Markt. Das Gebäude ist hell, neu, und liegt nahe an den Bars. Nur Obdachlose sieht man hier nicht mehr so oft.

Die Deutschen haben Recht, wenn sie sich über die Schließungen der Councils aufregen. Sie folgen der Einstellung des deutschen BBC-Angebots, und es verstärkt den Eindruck, dass die Engländer das Interesse verlieren, ihre Kultur in Deutschland gut zu verkaufen. Ist Deutschland für England weniger wichtig? Vielleicht nicht bewusst, aber da ist eine gewisse Arroganz, die zum Teil aus einer Naivität, zum Teil aber auch aus einer institutionellen Faulheit herrührt. Engländer brauchen sich in Deutschland nicht mehr zu verkaufen, das zumindest ist die Logik von Blairs Managern; denn alle lieben England ohnehin. Wenn die Deutschen etwas über England wissen möchten, dann können sie ja unsere web-site besuchen oder sich ins Flugzeug setzen. Viele junge Deutsche treibt es auch nach London. Also braucht man den englischen way of life in Deutschland nicht mehr zu bewerben. Ein Versagen der Kulturdiplomatie und ein Rückfall in den Provinzialismus. Das British Council hat sich Freunde in Deutschland gemacht. Jetzt wird England weniger Freunde haben. Macht das was? Ich glaube schon.

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