Gastkommentar : Die intellektuelle Elite weiß nichts vom Internet

Wer den „Heidelberger Appell“ unterzeichnet, hat ihn nicht verstanden. „Book Search“ und „Open Access“ haben nichts miteinander zu tun.

David Harnasch
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Foto: privat

Der „Heidelberger Appell“ fand schon über zweieinhalbtausend Unterstützer, darunter Günter Grass, Michael Naumann und Hans Magnus Enzensberger. Eine ganze Generation deutscher Intellektueller vereint sich hinter einem Dokument der Angst und Faktenferne.

„Book Search“ und „Open Access“ haben nichts miteinander gemein, abgesehen davon, dass beide Phänomene irgendwie „online“ sind und daher das Misstrauen des Appell-Autors und Literaturwissenschaftlers Roland Reuss weckten. Er und seine Mitunterzeichner fordern aber die Politik auf, gegen beides gleichermaßen vorzugehen.

Worum es geht: Nachdem die Tochter Youtube Musik und Videos ungeachtet aller Urheberrechte im Netz vermarktet, beginnt nun das Mutterunternehmen Google unter dem Titel „Book Search“, alle Bücher der Welt zu digitalisieren und verfügbar zu machen. Die Inhaber der Veröffentlichungsrechte können dem zwar widersprechen, müssten aber selbst tätig werden. Dafür gibt es in Deutschland keine rechtliche Grundlage, die Autoren und Verlage haben also allen Grund, zu protestieren.

Ganz anders „Open Access“: Um in den Kanon akademischen Wissens aufgenommen zu werden, müssen alle wissenschaftliche Erkenntnisse publiziert werden. Dies ist das Geschäft der Fachverlage. Beispielsweise möchte ein Mikrobiologe, der an einer staatlichen Universität in seinem von Steuergeldern finanzierten Labor eine Entdeckung macht, diese in der Fachzeitschrift „Biological Research“ veröffentlichen. Zunächst tritt er dem Verlag Elsevier das Copyright ab. Vor der Veröffentlichung geht der Text nun anderen Wissenschaftlern desselben Fachbereichs zur Überprüfung zu. Diese (oft ebenfalls in staatlichen Institutionen beschäftigt) erhalten dafür vom Verlag keinen Cent. Nachdem dieses „Peer-Review“ genannte Verfahren absolviert ist, kann der Mikrobiologe seinen eigenen Text in gedruckter Form in Händen halten – sein Arbeitgeber bezieht die „Biological Research“ mit Sicherheit im Jahresabo zu 525 Euro, denn ein Konkurrenzprodukt existiert nicht. Elsevier ist wie alle Wissenschaftsverlage hochprofitabel und erzielte 2008 eine Umsatzrendite nach Steuern von 12,5 Prozent.

Vor diesem Hintergrund haben sich 2006 die Spitzenorganisationen der deutschen Wissenschaft informell zusammengetan und fordern „das weltweite Wissen in digitaler Form ohne finanzielle, technische oder rechtliche Barrieren zugänglich zu machen“.

Das geißelt der „Heidelberger Appell“ als „weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären“, worauf die Allianz der Wissenschaftsorganisationen klarstellt, sie fordere „eine für den Leser entgeltfreie Publikation („Open Access“) ausschließlich von Forschungsergebnissen, die durch den Einsatz öffentlicher Mittel und damit zum Nutzen der Forschung und Gesellschaft insgesamt erarbeitet wurden. Keinesfalls fordert die Allianz eine Open-Access-Publikation belletristischer Schriften, aus deren Verwertung Autoren ihren Lebensunterhalt beziehen. Dies zu suggerieren, ist irreführend.“

Dass ausgerechnet ein Literaturwissenschaftler sich mit einem derart schlampigen Text exponiert, ist bizarr. Wer den „Heidelberger Appell“ unterzeichnet, hat ihn offenkundig nicht verstanden. Dass hunderte habilitierte Akademiker ihn unterstützen, zeigt das volle Ausmaß eines vernachlässigten Problems: Während die intellektuelle Elite des Landes die Diskurshoheit über den gesetzlichen Umgang mit Zukunftstechnologien behalten will, ist sie offensichtlich unwillig, sich mit den technischen Grundbegriffen vertraut zu machen. Wenn Leute, die sich Texte aus dem Internet prinzipiell von ihrer Sekretärin ausdrucken lassen, die Spielregeln für den Cyberspace aufstellen möchten, kann das nicht gut gehen. Der stümperhafte Gesetzentwurf zur Kinderpornografie dürfte nur ein Anfang sein.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Freiburg.

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