Meinung : Gastkommentar: Die Lederjacke unterm Maßanzug

Pascale Hugues

Wow, dachte ich, naiv, wie ich bin: Macht sich gar nicht schlecht - der Minister als Guerillero, in der Lederjacke mit erhobener Faust und schwarzem Motorradhelm. Was für eine drollige Geschichte, zumal wenn ich an unseren Außenminister denke. Hubert Védrine, aus großbürgerlicher Familie, Absolvent der Eliteschule ENA, ein makelloser Lebenslauf. Keine Gefahr, dass er einen Bullen vermöbelt haben könnte.

Doch halb Deutschland schreit auf: Skandal! Joschka Fischer bemüht mit noch faltenzerfurchterem Gesicht als sonst Erklärungsversuche, Entschuldigungen - er, der früher mit koketter Geste politischen Gewinn aus seiner rebellischen Jugend gezogen hatte. CDU-Hinterbänkler fordern den Rücktritt des Parias. Und die Leitartikler, die früher seine linken Ansichten teilten, setzen sich aufs hohe Ross der Moral und verurteilen "diesen deutschen Opportunisten". Manche vergleichen Fischer mit einem Fußball-Hooligan oder gar, wie Joachim Gauck in seiner neuen Talk-Show, mit einem Skinhead, der in der ostdeutschen Provinz Ausländer attackiert.

Was ist da schon wieder los? In Frankreich ist die extreme Linke Teil der nationalen Folklore. Gewiss, die Linke ist seit 20 Jahren an der Macht. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Linke aus allerlei Sekten die Zügel in der Hand haben. Doch die trotzkistische Vergangenheit Jospin - die ihm peinlich ist und über die er nicht spricht - oder die pubertären Abenteuer vieler Politiker von Bernard Kouchner bis Michel Rocard schocken niemanden in Frankreich.

Im Gegenteil, die ergrauten Notablen zeigen ihre Revolutionsjahre wie Trophäen vor. Es ist einfach chic, einmal links gewesen zu sein. Arlette Laguiller ("Force ouvrière") ist eine nationale Ikone. Es wirkt ein wenig überholt, dass sie immer noch den Klassenkampf propagiert, aber alle lieben sie dafür. Der Sänger Alain Souchon hat ihr sogar einen Song gewidmet: "Arlette, Arlette". Daniel Cohn-Bendit, Fischers Kampfgefährte, hat in Frankreich eine fulminante Karriere gemacht. Von de Gaulle persönlich ausgewiesen, hat der rote Dany sein Image des frechen Jungen dazu genutzt, vom rechtsrheinischen Exil aus ganz Frankreich für sich zu erobern. Und die Franzosen haben sich gerne verführen lassen, wollten ihre "Sonne von 1968" wiederfinden, die Maiwärme auf dem Pariser Pflaster.

Natürlich, die französischen 68er sind nie in den bewaffneten Kampf abgeglitten. An ihren Händen klebt kein Blut. Sie waren eine homöopathische Linke, sympathisch. Aber kann das etwas beitragen zur aktuellen Debatte in Deutschland? Zu den Abrechnungen zwischen früheren linken Sektierern in den Editorials der liberalen und linken Presse? Zum Revanchebedürfnis jener, die den beliebtesten deutschen Politiker um seine Karriere beneiden, der übrigens auch auf dem internationalen Parkett zu gefallen weiß? Oder zum Zorn über den narzistischen Exhibitionismus des Stars der deutschen Politik? Zum manischen Bedürfnis der Deutschen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten?

Vielleicht bin ich einfach zu französisch, eine Romantikerin der Anarchie. So lasse ich mich davon bezaubern, dass unter dem maßgeschneiderten italienischen Anzug des Ministers die ausgebeulte Lederjacke hervorschaut.

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