Gastkommentar : Die Linken trinken zu wenig Sekt

Roger Boyes von "The Times" macht sich Sorgen um die Linken. Die Deutschen wollen eine kuschelige Linke, doch die hat verlernt, das Leben zu genießen.

Roger Boyes[The Times]

Das Adnan in der Schlüterstraße ist berühmt für sein Lammkotelett vom Grill (19,50 Euro) und Spaghetti mit Trüffeln. Deshalb war es eigentlich ein Wunder, dass nicht auch Gregor Gysi zur Party für den Journalisten Jan Fleischhauer erschienen war. Vielleicht hatte es etwas mit dem Titel von dessen Buch zu tun: „Unter Linken. Wie ich aus Versehen konservativ wurde“; oder er hatte schlicht keinen Hunger.

Das Lokal war jedenfalls mit Konservativen voll – Mathias Döpfner, Minister zu Guttenberg, Wolfgang Bosbach, ach, eine ganze Bootsladung von Mißfeldern, Röttgens und Barings –, die so guter Dinge waren, als hätten sie gerade die Wahl gewonnen. Nicht zu Unrecht: Aus irgendeinem merkwürdigen Grund befindet sich die Linke in Europa (Ausnahme bildet das kleine Island) auf dem Rückzug. Wir befinden uns in der größten Krise des Kapitalismus seit Menschgedenken – und was macht die harte Linke? Versteckt sich unter der Bettdecke. Es ist doch ihre Stunde: Hat nicht Oskar all das in seinen Antiglobalisierungsbüchern vorhergesagt? Es war „die Linke“, die die Banker als Ganoven entlarvt, Verstaatlichungen und eine Reichensteuer gefordert hatte. Und trotzdem stecken sie, auch in der jüngsten Forsa-Umfrage, hartnäckig bei der Zehnprozentmarke fest, nur ein bisschen stärker als die fast vollkommen unsichtbaren Grünen.

Die SPD klettert derweil nach oben, nicht zuletzt dank Steinbrücks Attacken auf Ouagadougou und andere Barackenstädte wie Zürich (was mir langsam aufgeht: Im Alltag haben die Deutschen etwas gegen Grobiane, in der Politik lieben sie sie – siehe Strauß). Steinbrück hat den Zeitgeist verstanden: Die Öffentlichkeit will kastrierte Banker, aber Politiker auf Testosteron, eine Art Hodentransplantation. Und im Moment kriegen die Wähler alles, was sie wollen. Jawohl!

Und die Linken? Ich mache mir Sorgen um sie. Natürlich haben sie ein Strukturproblem, es gibt einen Webfehler seit der Vereinigung von WASG und PDS. Wie Carl Wechselberg vergangene Woche betonte, sollte es bei der Verbindung darum gehen, möglichst viele unglückliche SPD-Wähler aus dem Westen, die Lafontaine bewundern, herüberzuziehen. Daraus wurde nichts. Stattdessen bestehen die West-Linken vornehmlich aus Verrückten und manischen Erbsenzähler, unter denen der arme Jan Fleischhauer in seiner Jugend so leiden musste.

Die Ost-Linken wurden in der Zwischenzeit aus Bolschewiken zu Menschewiken und dann zu Gutmenschen: Sie sind die Partei, die ihren Anhängern nicht nur zuhört, sondern auch deren Bettpfannen ausleert. Wie sollten diese beiden Teile je eins werden? Sie sind wie zwei Ratten in einem Sack. Und wie Wechselberg (spät) festgestellt hat, kann die Linke nur überleben, indem sie sich radikalisiert, um diese Brüche zu übertünchen. Ihr Programm beweist, dass sie die Idee, an die Macht zu kommen, aufgegeben hat: 100 Milliarden für einen Zukunftsfonds, 100 Milliarden jedes Jahr für Bildung, die Abschaffung der Nato.

Das grundsätzliche Problem besteht aber darin, das die Deutschen eine kuschelige Linke wollen. Die Führer der Linken waren nie erfolgreicher als zu der Zeit, als Lafontaine der Sekt wichtiger war als das Sektierertum: ein fetter, liebender Vater, der gerne gut aß. Das Gleiche gilt für Party-Gysi, als er noch mit Frauen tanzte, die ihn mindestens um einen Meter überragten. Als wollten sie sagen: Ja, lasst uns eine Revolution machen – aber eine, bei der jeder einzelne Bürger, wie arm auch immer, das Recht hat, Austern mit einem guten, trockenen Weißwein runterzuspülen.

Das war, wie ich in einer neuen Biografie von Tristram Hunt las, was Friedrich Engels wollte. „Engels glaubte daran, die Freuden des Lebens – Essen, Sex, Alkohol, Kultur, Reisen – an alle Schichten durchzureichen“, schreibt Hunt. Jeden Sonntag veranstaltete Engels in seinem Haus in Primrose Hill eine Party. Einmal verließ August Bebel das Haus um zwei Uhr morgens, nach Pils, Claret und Maitrank: „Hätte ich ein Einkommen von 5000 Francs, würde ich ausschließlich arbeiten und mich mit Frauen amüsieren, bis ich nicht mehr kann“, schrieb er in den 1840er Jahren an Marx. Und: „Gäbe es keine Französinnen, wäre das Leben nicht lebenswert.“

Das ist ein linker Denker nach meinem Geschmack. Wäre es nach Engels gegangen, hätte Fleischhauer keine Abrechnung mit der Linken zu schreiben brauchen. Und Gysi wäre auch ins Adnan gekommen und hätte mit gutem Gewissen Lammkotelett gegessen.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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