Gastkommentar : Die Religion kennt mehr als vernünftige Gründe

Wer versucht, sich für die Volksabstimmung am Sonntag in Sachen Ethik oder Religion auf Grund von Straßenplakaten seine Meinung zu schärfen, bleibt verwirrt zurück. – Alles irgendwie plausibel, aber eben nur irgendwie. Dieter Lenzen über Vernunft, Gott und die Menschen

Dieter Lenzen
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Foto: dpa

Sogar Parteien äußern sich, als ob die letzten Fragen unserer Existenz etwas mit Parteizugehörigkeit zu tun haben könnten. Dabei ist es gar nicht so schwierig. Wer dem Volksentscheid sein Ja schenkt, stellt die Eltern der Schulkinder vor die Wahl: Soll mein Kind künftig das Fach Religion oder das Fach Ethik besuchen? Wer mit Nein stimmt, sagt: Nicht ich, sondern der Staat soll entscheiden. Denn die Staatsschule, zu deren Besuch alle Menschen bis zum 16. Lebensjahr verpflichtet sind, hat auch einen Erziehungsauftrag, wenngleich nach unserer Verfassung nachrangig gegenüber dem der Eltern.

Nun möchten wir alle, dass die nachwachsende Generation so erzogen wird, dass es uns gut geht, einfach deshalb, weil eine etwa unerzogene Generation meinen würde, sich um die Rechte der anderen nicht kümmern zu müssen. Es hört sich einfach an, dieses Erziehungsziel zu erreichen, aber es ist außerordentlich schwer, und wissenschaftlich wissen wir noch nicht viel darüber, was man tun muss, damit Menschen moralisch handeln. Genau das aber ist die entscheidende Frage, um die es in dem Volksbegehren geht.

Für moralisches Handeln, das den Ansprüchen einer Gesellschaft genügt, die auf Gemeinsamkeit angelegt ist, braucht der Mensch Motive und Gründe. Denn es ist allemal bequemer, nach dem Muster zu leben: „Alles ist gut, was für mich gut ist.“ Das ist übrigens die unterste Stufe der menschlichen Moralentwicklung, die in gewisser Weise auch Schimpansen und Flusspferde erreichen. Warum sollten unsere Kinder also auf die Annehmlichkeiten eines solchen Egoismus verzichten? Dazu müssen wir ihnen Gründe nennen. Das können zum Beispiel Vernunftgründe sein, wie sie in einem Fach Ethik vermittelt werden können. Es ist einfach vernünftig, Egozentrismus nicht zuzulassen und sein eigenes expansives Handeln an der Grenze enden zu lassen, die durch die Rechte des Nächsten definiert sind. Das kann man im Ethikunterricht vermitteln, und wer vernünftig ist, müsste dieser Maxime eigentlich folgen können. – Aber nur „eigentlich“, denn wir wissen, dass diese Regel leider oftmals nicht funktioniert. Man wird häufig mehr benötigen als vernünftige Gründe, um Menschen zu einem gemeinschaftsfähigen Handeln zu bringen.

Religion ist ein solches „Mehr“. Sich an ihr zu orientieren, geht über die nicht selten als beliebig erscheinende Erwägungskultur des hier und jetzt hinaus. Für Religion gibt es mehr als nur vernünftige Gründe, sein Verhalten sozial zu orientieren:

Ich weiß nicht, ob es Gott gibt. Niemand weiß das. Aber ich weiß, dass die Welt um mich herum vom kleinsten Molekül bis zur Mechanik der Planeten eine intelligente Konstruktion ist, die für manchen die Frage aufwirft: Wer hat sich das ausgedacht, wem gehört es? Darauf kann Religion und Religionsunterricht keine sichere Antwort geben, aber ein Erklärungsangebot: Ein guter Religionsunterricht wird diesen Gott nicht als Person zeichnen, sondern vielleicht als eine Art wirkendes Prinzip. Kinder und Jugendlichen, die diesem Angebot begegnen, werden eines begreifen: Nicht ich habe all das gemacht, und schon gar nicht gehört es mir. Also kann ich damit nicht machen, was ich will. Auf diese Weise entsteht ein „Über-Ich“, ein Gewissen, eine mentale Steuerungsinstanz, die folgende Frage gegenwärtig hält: Kann ich, was ich jetzt tun will, vor der „Wucht“ dieses wirkenden Prinzips rechtfertigen? Darf ich morden, stehlen, lügen, betrügen? Darf ich dem wirkenden Prinzip, das ich nicht selbst bin, sondern das auf mich selbst wirkt, meinen Egoismus entgegensetzen?

Diese religiöse Ableitung ist nicht jedermanns Sache, und viele Menschen brauchen sie nicht, weil sie glauben, es besser zu wissen, und weil sie auf Grund einer vernunftgeleiteten Ethik ganz anständige Menschen werden. Aber darauf können wir uns nicht verlassen. Menschen sind unterschiedlich. Deswegen benötigen sie unterschiedliche Gründe dafür, sich so zu verhalten, dass sie den Anderen gegenüber nicht agieren, als ob sie allein auf der Welt wären. Wenn man das will, muss man für die Wahlfreiheit eintreten und mit Ja stimmen, wie es das Volksbegehren vorschlägt. Wenn man meint, es genüge, sich auf die Vernunft zu verlassen, kann man getrost mit Nein stimmen, muss es aber keineswegs, denn man kann ja davon ausgehen, dass die Vernunft es den Menschen erlaubt, die richtige Wahl zu treffen.

Am Sonntag geht es also um Vernunft, um Gott und die Menschen, aber um eines sicher nicht – um Parteien.

Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin.

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