Gastkommentar : Die unterste Milliarde integrieren

Worauf es beim G20-Gipfel in London ankommt. Ein Gastkommentar von Tobias Kahler, Deutschland-Direktor der Lobby-Organisation "One", die der Sänger Bono gründete, um gegen Armut und Unterentwicklung zu kämpfen.

Tobias Kahler

Die weltweite Finanzkrise brach wie ein Sturm über Aktienkurse, milliardenschwere Unternehmen und die Hoffnungen der Ärmsten herein. Nun droht sie 200.000 bis 400.000 Kinder mit sich in den Tod und weitere 50 Millionen Menschen in die Armut zu reißen. Dabei schien es anfänglich so, als sei Afrika, aufgrund seiner verhältnismäßig geringen Integration in das weltweite Finanzsystem, gegen die unmittelbaren Folgen der Krise gefeit. Doch nun werden auch auf diesem Kontinent die Verwüstungen sichtbar: sinkende Exportnachfrage, versiegende Kapitalströme, schrumpfende Auslandsüberweisungen, stagnierendes Wachstum und Entwicklungshilfe, die auszulaufen droht. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Denn wie schon bei der Klima- und Nahrungsmittelkrise gilt: diejenigen, die am wenigsten zur Krise beigetragen haben, bekommen die verheerenden Konsequenzen am meisten zu spüren.

Die Welt braucht nun mehr denn je glaubwürdige politische Führung, die unserem globalisierten Planeten den Weg in die Zukunft weist und für Stabilität und Wohlstand sorgt. Dies wird allerdings nur möglich sein, wenn es gelingt, die so genannte unterste Milliarde, das heißt all jene Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag ihr Leben bestreiten müssen, als friedliche Konsumenten und Exporteure in die Weltwirtschaft zu integrieren.

Erst kürzlich betonte Bundespräsident Horst Köhler in seiner Berliner Rede, dass es Sicherheit, Wohlstand und Frieden auf der Welt dauerhaft nur geben kann, „wenn mehr Gerechtigkeit in die Welt kommt“. Entwicklungspolitik und unsere Zusammenarbeit mit dem afrikanischen Kontinent sind also kein Luxus sondern ein elementarer Beitrag zur Überwindung der Krise. Der Kampf gegen die weltweite Armut muss „gemeinsam gekämpft“ werden, so Köhler.

„Wohlstand für alle“ könnte demnach die Devise lauten. So wie es das Wirtschaftsmodell verspricht, das die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, zu einer Zeit als ihre Städte in Schutt und Asche lagen und ihre Selbstachtung gebrochen schien, hervor brachten. Wollte man die globale Ökonomie nach dem Vorbild der Sozialen Marktwirtschaft gestalten, so wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel angeregt hat, würde man zunächst feststellen müssen, dass es der untersten Milliarde an den Voraussetzungen fehlt, um überhaupt erst produktiv werden zu können. Sie leiden an Unterernährung und Krankheiten oder haben keinen Zugang zu Grundschulbildung. Afrikanischen Unternehmen fehlt es an Produktionskapazitäten und Infrastruktur, während die Landwirte und Exporteure in einem unfairen Welthandelssystem benachteiligt werden. Gleichzeitig versprechen die reichen Nationen regelmäßig ihre Entwicklungshilfe aufzustocken, scheitern jedoch immer wieder kläglich an der Umsetzung dieses Vorhabens.

In dieser Woche sind die Augen der Weltbevölkerung, vor allem aber jener untersten Milliarde, auf das Treffen der G20 in London gerichtet. Es bietet sich den Staatschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Welt die Möglichkeit, Führungsstärke zu beweisen und die Welt zum Besseren hin zu verändern. Dabei kommt es auf drei Aspekte an:

Ressourcen: Um dem wirtschaftlichen Abschwung in den Entwicklungsländern entgegenzuwirken, sind zusätzliche Gelder in Höhe der durch die Finanzkrise entstandenen Verluste nötig. Die notwendigen Mittel entsprechen einem winzigen Bruchteil der globalen Konjunkturprogramme und kämen nicht nur den Volkswirtschaften der Entwicklungsländer, sondern der gesamten Weltwirtschaft zu Gute. So zeigt eine neue Studie des Overseas Development Institute und des National Institute of Economic and Social Research, dass ein Investitionspaket von $50 Mrd. für afrikanische Infrastruktur eine kumulative Erhöhung der Weltwirtschaftsleistung von $250 Mrd. in den nächsten zehn Jahren bewirken könnte. Allein die deutschen Exporte würden im Jahr 2009 um fast $2 Mrd. steigen.
Die deutsche Regierung hat bereits einen wichtigen Beitrag in dieser Richtung geleistet, indem sie €100 Millionen aus ihrem Konjunkturpaket für den Infrastrukturfond der Weltbank bereitstellt hat.

Reformen: Entwicklungsländer sind in internationalen Finanzinstitutionen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds nicht angemessen vertreten. Sie müssen daher offener und demokratischer werden. Insbesondere sollten die Führungspositionen dieser Institutionen ausschließlich nach fachlicher Qualifikation und unabhängig von der jeweiligen Nationalität des Kandidaten besetzt werden. Auch die zahlreichen Gemeinschaften der sieben, acht oder zwanzig mächtigsten Staaten der Welt lassen Entwicklungslänger außen vor.

Regulierung: Wir benötigen eine stärkere Regulierung und Transparenz der weltweiten Finanzmärkte, um illegale Kapitalflüchte aus den Entwicklungsländern und damit eine Erosion des Steueraufkommens zu verhindern. Dabei geht es sowohl um gestohlene Vermögenswerte als auch um Steuerflucht. So entgehen Entwicklungsländern jährlich Steuereinnahmen in Höhe von 64 bis 120 Milliarden Dollar, weil Privatpersonen und Unternehmen ihr Geld unentdeckt im Ausland lagern. Der Trockenlegung von Steueroasen kommt vor diesem Hintergrund eine entscheidende Rolle zu.

Diese drei R – Ressourcen, Reformen und Regulierung – entsprechen den Ansätzen, die auch die Länder der G20 gewählt haben, um ihre eigenen Volkswirtschaften aus der Krise zu führen. Dieselben Strategien müssen nun auch den Entwicklungsländern zugute kommen.

Es ist in diesen Zeiten sicher schwierig, trotz der eigenen Betroffenheit auf das große Bild zu sehen. Heute wird deutlicher denn je, dass wir keine Alternative haben: jeglicher Anlauf der globalen Finanzarchitektur ein neues Gesicht zu verleihen, ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt, sofern nicht die unterste Milliarde aus ihrem Schattendasein entlassen und eingeladen wird, an der Gestaltung unserer schönen neuen Welt mitzuwirken.

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