Gastkommentar : Diese Rede machte die Wiedervereinigung möglich

Die Rede hat die geistigen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Wiedervereinigung für unsere Nachbarn überhaupt akzeptabel wurde. Zur Bedeutung von Weizsäckers Worten zum 8. Mai.

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Ein Vierteljahrhundert ist nun vergangen, seit Richard von Weizsäcker als Bundespräsident jene eminente Rede gehalten hat, die als 8.-Mai-Rede in den politisch-historischen Diskurs eingegangen ist. Wer sie damals politisch bewusst gehört hatte, ist heute mindestens 35 Jahre alt. Aber selbst wer nur noch ihren Klang im Ohr, aber sonst die Einzelheiten vergessen hat, weiß doch immerhin: Dies war und bleibt die bedeutendste, ja ist überhaupt die deutsche Rede der Nachkriegszeit. Ihre eigentliche Bedeutung jedoch war damals noch gar nicht, sondern ist erst heute richtig zu erkennen.

Diese Ansprache zum 40. Jahrestag des Kriegsendes war zwar derart eng mit der Person des Redners verknüpft, dass die späteren Generationen den Namen Richard von Weizsäcker allein mit dem Stichwort 8.-Mai-Rede identifizieren werden. Aber sie war in zweifacherweise nicht der Text eines isoliert brütenden Individuums gewesen – oder eines Amtsinhabers, der sich aus der „Schreibstube“ eine Vorlage anliefern ließ. Zum einen hatte Weizsäcker sich über Monate in unterschiedlichsten Gesprächsrunden sachliche Einsichten und Einfühlung in Lebenslagen „ersprochen“; so ging die anrührende Passage über die Rolle der Frauen in der unmittelbaren Nachkriegszeit zurück auf ein Gespräch mit ehemaligen „Trümmerfrauen“. (Und wer die Sätze über die Vertriebenen liest, erkennt deutlich die noch viel weiter zurückreichenden Spuren der Mitwirkung Weizsäckers an der „Ostdenkschrift“ der EKD, die 20 Jahre vor der 8.-Mai-Rede veröffentlicht worden war.) Hier bemühte sich also jemand, nicht nur für sich, sondern vor allem für andere, ja für alle anderen zu sprechen, als sozusagen kollektives Individuum.

Zum anderen – und gerade deshalb – lebte die Rede vor allem davon, dass sie als geläutertes Geschichtsbewusstsein der Deutschen formulierte, was das Kollektiv, das Volk (im Westen, damals), sich durch ein Individuum eben noch sagen ließ. Die Zeit war, 40 Jahre nach dem Kriegsende, gerade eben reif dafür geworden, das machte den Kairos der Rede aus, aber die Rede erst verdichtete den in der Luft liegenden Konsens zum sozusagen offiziellen Bewusstsein. Übrigens nicht ohne Konflikte: Weizsäckers Satz „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten“, löste damals den heftigen Unwillen nicht nur von Helmut Schmidt aus (und das persönliche Streitgespräch darüber wohl die späte Altersfreundschaft der beiden). Jetzt sagt der Altkanzler, er schwärme noch heute von der Rede des Altpräsidenten. Damals, kann man nur sagen, noch nicht.

Die eigentliche, damals noch gar nicht vorhersehbare Bedeutung dieser Rede aller deutschen Reden liegt aber in Folgendem: Sie hatte die geistigen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Wiedervereinigung für unsere Nachbarn überhaupt akzeptabel wurde. Entscheidend dafür war folgender Satz: „Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Hätten die Deutschen diese Aussage nicht akzeptiert, ja sogar weiterhin bestritten, hätten sie nämlich gewissermaßen auf einem moralischen Gleichstand bestanden: „Wir haben Krieg geführt, ihr habt Krieg geführt – mehr ist dazu nicht zu sagen.“ Damit hätten sie aber im Grunde die Selbstverteidigung der Länder, die Deutschland mit Krieg überzogen hatte, moralisch abgewertet – und das, obwohl die Deutschen nicht in der Lage waren, ihre Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie aus eigener Kraft zum Stillstand zu bringen. Mit Weizsäckers Rede war das historische und moralische Gefälle endlich zutreffend dargestellt worden, und zwar auf politisch verbindliche Weise. Ohne diese vorausgegangene Klarstellung, das macht den historischen Rang der 8.-Mai-Rede aus, hätten unsere Nachbarn 1990, fünf Jahre später, die Wiedervereinigung der Deutschen innerlich nicht akzeptieren können. Schwer genug war es ihnen ohnehin gefallen, was man auch erst 20 Jahre später so deutlich nachlesen konnte.

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