Meinung : Gastkommentar: Ein Ort zum Leben- und zum Sterben

Der Autor ist Deutschland-Korrespondent der britis

Der Tod ist ein fremdes Land, aber ein Ausland, zu dem alle Zugang haben. Auch ohne Visa und Sprachkurse. Als Korrespondent müsste ich mich selbst dort zurechtfinden können. Allerdings ist es ein Land, von dem es keine Karten gibt und wo an jeder Straßenecke eine Überraschung wartet.

Als meine Frau in der vergangenen Woche im Rudolf-Virchow-Klinikum starb, bot sich wenigstens etwas Trost: Berlin, das uns so wohl bekannte, ist zu einer Art Heimat geworden und die Krankenhausmitarbeiter zu einer erweiterten Familie. All die Berliner Eigenheiten, die im normalen Leben so sehr irritieren - der Taxifahrer, der bei strömendem Regen sitzen bleibt und dem Kunden mit schwerem Gepäck zuruft: Der Kofferraum ist offen -, erweisen sich bei Ärzten und vor allem bei den Krankenschwestern als Vorteil: Sie fallen in der Regel durch die richtige Mischung aus Härte, Kompetenz und freundlicher Zuwendung auf. Berliner sind vielleicht nicht geborene Taxifahrer oder Kellner, sie sind jedoch geborene Krankenschwestern.

Ustinov, Pizza und Hess

Berlin war ein guter Ort zum Sterben. Weil es ein guter Platz zum Leben war. Während des Kriegsrechts in Polen, das 1981 den Aufstieg der Gewerkschaft Solidarnos¿c beendete, kamen wir oft nach West-Berlin, um ein wenig die Luft des verruchten Kapitalismus zu atmen. Im Kapitalismus geht es um die Preisbildung. Der Preis, den wir für ein Wochenende in Berlin zu zahlen hatten, waren die groben Kontrollen der DDR-Grenzposten. Sie nahmen uns die interessantesten Bücher weg und unsere Spiegel-Ausgaben. Sie drückten unsere Zahnpastatuben aus, um herauszufinden, ob Mikrofilme darin versteckt waren - waren sie nicht. Tatsächlich drückten sie so das letzte bisschen Glauben, das meine Frau noch an den Sozialismus hatte, heraus.

Später, im Jahr 1985, wurde unser Sohn im Britischen Armee-Hospital nahe dem Olympia-Stadion geboren. Wir wohnten im Apart-Hotel an der Heerstraße, Peter Ustinovs Lieblingsabsteige. Meine Frau verlor das Fruchtwasser in einer Pizzeria am Theodor-Heuss-Platz. Kurz danach kam der Junge auf einer Krankenhausstation ganz in der Nähe des Raumes zur Welt, in dem Rudolf Hess behandelt wurde. Irgendwie passte diese Kombination aus Peter Ustinov, einer Billig-Pizzeria und Rudolf Hess hervorragend zu einer idealen Geburt in Berlin.

Einen idealen Tod gibt es allerdings nicht - dieser hier war grausam und sanft zugleich. Dank des Virchow-Klinikums konnte meine Frau Berlin Lebwohl sagen; beerdigt wird sie in Warschau, an der Seite ihrer Mutter, die als Partisanin gegen die Deutschen gekämpft hatte, und ihres Vaters, der als Arzt sowohl polnische als auch deutsche Verwundete versorgt hatte. Schließt sich so ein Geschichtskreis? Wahrscheinlich doch nicht.

Eines aber ist sicher: Meine Frau braucht keinen Pass mehr. Sie ist jetzt bei den Engeln.

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