Gastkommentar : Ein Ruck durch die Gedärme der Deutschen!

Deutschland sollte konvertieren. Die dringendste Aufgabe der neuen Regierung liegt darin, die Nation davon zu überzeugen, jeden Morgen ein komplettes englisches Frühstück zu verspeisen.

Roger Boyes[The Times]

Deutschland wird von einem Ritual beherrscht, das so merkwürdig und so rigide ist wie die in Japan. Was dort die Teezeremonie, ist in Deutschland das zweite Frühstück – ein elegant eingepacktes und liebevoll ausgewickeltes Leberwurstbrot, das zwischen 9 Uhr 30 und 10 Uhr verspeist werden muss. Vor ein paar Tagen war ich beim Bäcker, um Kaffee zu trinken – meine Espressomaschine ist immer noch nicht repariert –, und musste dort Tasse und Fleischsalatstulle an der Kante eines Stehtisches balancieren, weil der Laden voller orangen-strahlender Müllmänner, Dachdecker und Gärtner war. Der Busfahrer des M19 schaute auch noch vorbei sowie der Polizist, der eigentlich das lokale jüdische Mahnmal bewachen sollte. „Aha“, sagte ein Tagesspiegel-Leser, der mich dank des 20 Jahre alten Fotos, das diese Kolumne schmückt, sofort erkannte, „sie feiern auch Bergfest“. Berge sind mir unheimlich – schon immer war ich dafür, Bayern platt zu machen –, deshalb verstand ich die Bemerkung nicht. Das Bergfest, bei Lesern, die das schon wissen, entschuldige ich mich, wird offenbar mittwochmittags um 12 Uhr begangen, dem Gipfel der Arbeitswoche. Danach geht’s wieder talwärts in Richtung wohlverdientes Wochenende.

Schön, dachte ich, wieder etwas gelernt. Aber am nächsten Tag, ich ging mit meinem Hund ums Eck, sah ich, dass alle meine Mit-Bergsteiger in der Führerzelle ihrer Lastwagen saßen – die Jungs von Alba, die von der Gartenbaufirma – und um Punkt 9 Uhr 30 Leberwurstbrote aßen. Wie in der nervigen Fernsehreklame für „Knoppers“: ihr Frühstückchen. „Morgens halb zehn in Deutschland.“ Als ob dann die Mägen der deutschen Bevölkerung, noch immer vom ersten Pausenbrot in der Schule programmiert, kollektiv grummeln. Wie viele Kalorien braucht ein deutscher Handwerker? Wie viele Puddingschnecken muss er verspeist haben, bevor er mit Erfolg den Luftdruck Ihrer Reifen messen oder Ihr Waschbecken abdichten kann? Wie viel arbeitet er eigentlich?

Viele Kulturen kennen das Zweite Frühstück. Im Plattdeutschen wird es Fofftein genannt. Aus dem Wort lässt sich ableiten, dass der Norddeutsche nicht mehr als 15 Minuten für seine Brotzeit ansetzt. Der Berliner braucht, das haben meine Recherchen ergeben, 45 Minuten. Vielleicht sollte irgendein Bundesbankdirektor mal nachrechnen, wie viel Arbeitszeit so jeden Monat flöten geht. Deutschland ist ja davon überzeugt, dass es den großen Sprung nach vorn in die Dienstleistungsgesellschaft bereits getätigt hat – einkaufen um 21 Uhr am Freitagabend! –, doch seine althergebrachten Rituale halten das Land in Wahrheit weiter zurück. Oder haben Sie um 10 Uhr 15 schon einmal jemanden telefonisch erreicht?

Die Antwort ist, wie sollte es anders sein, die Einführung des angelsächsichen Modells. Die dringendste Aufgabe der neuen Regierung liegt deshalb darin, die Nation davon zu überzeugen, jeden Morgen ein komplettes englisches Frühstück zu verspeisen. Rühr- oder Spiegelei, gebackene Bohnen, gegrillte Tomaten, zwei Würstchen, Pilze, fett aufgebackenes Brot. In den Tee viel Milch. Cornflakes oder Haferbrei. Der Produktivitätsschub, der dem Land daraus erwüchse, sollte aus Deutschland eine grandiose Wachstumsregion machen. XL.

Man muss natürlich kein Nahrungsberater sein, um die kleinen Nachteile des englischen Frühstücks zu erkennen. Es ist während der Industriellen Revolution aufgekommen, als es darum ging, 3000 Kalorien in die reinzustopfen, die in den Kohleminen gearbeitet haben. Um 16 Uhr war diese Energie verbrannt und die Arbeiter waren bereit für einen Nachmittagssnack. Aber in einem Callcenter verbraucht man keine 3000 Kalorien. Und man läuft Gefahr, fett zu werden. Nicht jedoch, wenn man hochwertige Zutaten nimmt und moderat isst. Dann schadet eine solches Frühstück überhaupt nicht. Organische Eier, selbstgemachtes Brot, Biotomaten, fettarme Würste von Bünger in der Westfälischen Straße. In Großbritannien leben viele glückliche 80-Jährige, die ihr Leben lang Eier und Speck gefrühstückt haben und gesünder sind als ich.

Deutschland sollte konvertieren. Schwarz (die Farbe von Blutwurst) und (Ei-)Gelb ist die perfekte politische Koalition, um die frühmorgendliche Nahrungszunahme des Landes zu verändern: ein Herzog’scher Ruck durch die Gedärme der Deutschen. Wer weiß, vielleicht kriegt man so auch seine Waschmaschine repariert – selbst wenn es halb zehn am Morgen ist in Deutschland.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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