Gastkommentar : Energie aus der Wüste

Die Sahara als Energiequelle für die Welt, Europa und Deutschland zu nutzen, klingt fantastisch. Ist es auch: Solarstrom aus Nordafrika sollte auch dort verbraucht werden.

Stephan Kohler

Im Jahr 2025 können rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs aus Solarkraftwerken in Nordafrika gedeckt werden. So lautet das Versprechen des Desertec-Projektes. Dieser Strom soll dann über rund 3500 km durch Hochspannungsgleichstromleitungen nach Europa und Deutschland transportiert werden. Die Sahara als große Energiequelle für die Welt, Europa und Deutschland zu nutzen, klingt fantastisch: Eine Wüstenfläche von 300 mal 300 Kilometern mit Parabolspiegeln bestückt würde ausreichen, um den Weltenergiebedarf zu decken. Was steckt hinter der kühnen Vision?

Um das Desertec-Projekt vernünftig diskutieren zu können, müssen zwei Faktoren betrachtet werden: die Stromerzeugung und der Stromtransport. Der Bau von Solarkraftwerken in Südeuropa und Nordafrika ist sinnvoll und wichtig. Die dafür erforderliche Technik steht zur Verfügung. Die Kosten für die Stromerzeugung aus Solarkraftwerken liegen in diesen Ländern heute zwischen 16 und 21 Cent pro Kilowattstunde. Das ist günstiger als die Solarstromnutzung in Deutschland. Deshalb ist es zu begrüßen, wenn deutsche Unternehmen die Initiative ergreifen und in den Bau von Solarkraftwerken in sonnenreichen Regionen investieren.

Die entscheidende Frage ist aber: Wo soll dieser Strom verbraucht werden? Hier gibt es drei Möglichkeiten: Der Strom wird vor Ort verbraucht, in ein nordafrikanisches Stromnetz eingespeist oder über 3500 km nach Deutschland transportiert. Laut dem Deutschen Institut für Luft und Raumfahrt (DLR) ist es realistisch, dass bis zum Jahr 2020 rund 10 000 Megawatt (MW) über Solarkraftwerke in Nordafrika produziert werden. In Ägypten, Algerien, Jordanien, Libyen, Marokko und Tunesien hat die Stromnachfrage heute einen Leistungsbedarf von rund 35 000 MW. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung wird dieser Bedarf bis zum Jahr 2020 auf circa 54 000 MW anwachsen. Der Strom aus den Solarkraftwerken kann also ohne Schwierigkeiten in diesen Ländern genutzt werden. Deutsche Unternehmen können mit der Investition in nordafrikanische Solarkraftwerke doppelt profitieren. Sie können einerseits die dafür notwendigen Technologien liefern. Gleichzeitig bekommen sie für die Vermeidung von klimaschädlichen Emissionen über den internationalen Emissionshandel CO2-Zertifikate zugeteilt, die sie wiederum wirtschaftlich einsetzen können. Genau dafür wurde der Emissionshandel eingeführt: Investitionen zur CO2-Vermeidung dorthin lenken, wo sie am effizientesten sind.

Weshalb also sollten wir tausende Kilometer an Übertragungsleitungen bauen, die nicht notwendig sind, sehr viel Geld kosten und zusätzlich Verluste beim Transport verursachen, die vermieden werden können? Ein weiterer negativer Effekt wäre, dass wir zwar den Solarstrom nach Europa importieren, gleichzeitig aber für die Deckung der Stromnachfrage in Nordafrika fossile oder nukleare Kraftwerke bauen, wie es zum Beispiel Frankreich plant.

Der Bau von Solarkraftwerken sollte deshalb in drei Schritten angegangen werden. 1. Massiver Ausbau von Solarkraftwerken zur direkten Versorgung der Nachfrage vor Ort. 2. Wenn diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, Aufbau eines nordafrikanisches Verbundnetzes. 3. Erst wenn ein weiterer Überschuss erzeugt wird, sollte man über den Export von Solarstrom nach Deutschland oder Europa nachdenken. Dieser überschüssige Strom könnte aber auch zur Erzeugung von Wasserstoff genutzt werden, der über die bestehenden Erdgaspipelines oder über Tankschiffe nach Europa transportiert wird. Dieser dritte Schritt ist allerdings Zukunftsmusik und steht erst nach dem Jahr 2030 an. Jetzt gilt es erst einmal die vielen noch offenen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen zu klären, um aus einer visionären Idee ein finanzierbares und tragfähiges Energiekonzept zu machen.

Der Autor ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena).

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