Meinung : Gastkommentar: Flöhe auf der Flucht

Pascale Hugues

Es ist kaum möglich, der Erinnerung an den Anschlag auf das World Trade Center zu entkommen. Der Alltag steckt voller Anspielungen, die die entsetzlichen Bilder immer und immer wieder wach rufen. Da sind die Kinder, die abends, wenn Nils Holgersson den Bildschirm betritt, protestieren, weil sie nochmals "den Film mit den Flugzeugen, die in die Türme fliegen" sehen wollen. Da sind die Päckchen mit Schokoladenzigaretten auf meinem Schreibtisch, Überbleibsel von einem Kindergeburtstag: Erst nach ein paar Tagen fiel mir ins Auge, dass eine triumphale Freiheitsstatue das Design dominiert, mit den Twin Towers zu beiden Seiten. Oder meine empörte Reaktion im Reisebüro, als die Verkäuferin mir den Preis für einen Flug nach Straßburg nannte: "Dafür könnte ich ja zwei Mal nach New York fliegen!" In diesen Tagen entschuldigt man sich schnell für einen solchen Vergleich, weil er geschmacklos wirkt.

Doch dann hat mich ein im Grunde unwichtiges Ereignis aus meinen Gedanken gerissen und zurück in die Banalitäten des Familienalltags gebracht. Die Kinder kratzen sich nachts im Schlaf am Kopf. Dieser Feind ist schnell ausgemacht: Die Kleinen haben Flöhe. Jetzt heißt es rasch handeln. Gleich am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zu einer Behörde mit dem bedrohlichen Namen "Gesundheitsaufsicht, Umweltmedizin, Zentrale Berliner Desinfektionsanstalt" - betraut damit, Parasiten zu identifizieren. Um 8 Uhr früh überqueren wir im Regen die Hauptstraße, laufen durch eine Unterführung, finden uns in einem düsteren Durchgang wieder. Unsere Behörde befindet sich in einem feuchten Hinterhof. Wir öffnen die Tür zum Wartezimmer. Ein Geruch wie nach schalem Bier drückt mir das Herz ab. Die Jungs blicken erwartungsvoll auf die Tapete mit Flöhen, Ratten, Motten und anderen, in ihren Augen unwiderstehlichen Monstern.

Nach einer Viertelstunde öffnet ein Berliner Beamte im Hawaiihemd die Tür zu seinem Büro und gibt uns ein Zeichen, einzutreten. Er gibt sich abweisend, brüsk und klagt, die Kundschaft vor uns habe ihm den letzten Nerv geraubt: vier Punks mit Filzläusen! Der brave Mann hat etwas auszuhalten. Er tut mir leid. Ich beschließe, ihm seine schlechte Laune zu vergeben. Und schwöre, mich nie mehr über meinen Beruf zu beklagen.

Er beschwert sich ungerührt weiter: "Das alles hier hat doch überhaupt keine Bedeutung mehr. Am Jahresende werden wir alle vernichtet sein, keiner von uns bleibt übrig." Nach so vielen Jahren, in denen der Beamte die Haare unzähliger fremder Menschen durchforstete, hat er die Formulierungen der Gebrauchsanleitung des Läuse-Vernichtungsmittels "Goldgeist" übernommen. Im Geist sehe ich schon zwei Boeings im Anflug auf das Schöneberger Rathaus und die Straßen des Bayerischen Viertels in Rauchschwaden aufgehen. Sehe, wie bin Laden an den Fassaden entlangschleicht und Taliban-Horden in unser kleines Universum eindringen. Mein Hals schnürt sich zu.

Der Beamte fährt fort, im blonden Haar meines Jüngsten zu wühlen. Die Flöhe meiner Kinder sind beseitigt. Er füllt ein Formular aus. Ich habe es eilig, wegzukommen, schiebe meine Kinder in Richtung Tür. Der Beamte bleibt auf seinem Platz sitzen und sieht uns hinterher. Schließlich hebt er seine Hand und legt sie wie ein Messer an seine Gurgel: "20 000 Stellen in Berlin - einfach weg!"

Mich überkommt die Lust, einen Luftsprung zu machen. Weder bin Laden noch die Taliban warten draußen auf der Straße auf mich. Sondern die Wahlplakate mit dem etwas gezwungenen Lächeln von Klaus Wowereit und Dr. Steffel. Niemals zuvor sind mir die Berliner Spitzenkandidaten sympathischer erschienen.

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