Gastkommentar : Freie Menschen, freie Köpfe

Sollen Freiheit und Gleichberechtigung den Vorrang haben oder die Religion? Da reden wir und reden und werten den scheußlichen Umhang auf. Warum wir auch in Deutschland ein Burka-Verbot brauchen.

Sibylle Krause-Burger

Unlängst, in den Abendnachrichten des ZDF, wandelte ein schwarzes Zelt über die Bildschirme der Republik. Nur zwei Augenschlitze ließen erkennen, dass sich darunter ein Mensch verbarg, ein weiblicher, versteht sich, eine Konvertitin, angeblich 25 Jahre alt und jetzt ihrem neuen, dem muslimischen Glauben huldigend. Also sah man sie, von gierigen Kameras verfolgt, vor Brüsseler Kulissen auf und ab paradieren, sah sie Reklame laufen gegen das in Belgien schon halb beschlossene Burka-Verbot, wobei offen blieb, was sie mehr im Sinn hatte: ihren Gott im Himmel oder die Medien hienieden auf Erden. Vermutlich die Letzteren.

Denn ohne die Provokation dieses fundamentalistisch eingefärbten Auftritts hätte sich gewiss niemand für die junge Frau interessiert. Und niemals wäre ihr der Aufstieg in die deutschen Topnachrichten gelungen, hätte sie sich darauf beschränkt, in der Moschee zu beten oder daheim in ihrem Kämmerlein still und leise fromm zu sein. Aber im schwarzen Ganzkörperschleier seinen Glauben in den Straßen mitteleuropäischer Metropolen zur Schau zu stellen, sich vorgeblich einer mittelalterlichen Orthodoxie zu unterwerfen und gleichzeitig auf das Recht der ganz individuellen Religionsausübung zu pochen – das hat was.

Amnesty International gab in diesem Fall noch ein Sahnehäubchen oben drauf, als ein Sprecher der Organisation die Grundrechte der Frauen verletzt sah, sofern sie sich nicht mehr verhüllen dürften. Wie aber, das wüsste man gerne, schätzt der Eifrige wohl die Rechte der Frauen in Afghanistan ein, wo sie sich verhüllen müssen? Doch wir sind nicht in Afghanistan, sondern in Mitteleuropa. In jahrhundertelangen Kämpfen wurde hier erfochten und für alle Bürger gesichert, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und jeder nach seiner Façon selig werden darf. Nun aber, mit dem Eigenleben von muslimischen Parallelgesellschaften mitten unter uns, tut sich plötzlich ein Widerspruch auf. Sollen Freiheit und Gleichberechtigung den Vorrang haben oder die Religion? Deckt die Freiheit auch die vielleicht selbstgewollte, womöglich aber von Männern anbefohlene Unfreiheit? Und wer will das im einzelnen Fall so genau wissen? Sollen wir, wie die türkischstämmige Sozialministerin in Niedersachsen befand, nach dem Kopftuch der Lehrerinnen auch das der Schülerinnen aus der Schule verbannen?

Ja, das sollen wir. Denn es grenzt an Kindesmisshandlung, wenn eine streng muslimische Familie – wie in meinem Stadtteil täglich zu beobachten – eine zarte Zehnjährige nur noch mit eng anliegender Kopfverhüllung in den Unterricht gehen lässt, wo alle anderen Kinder ihre Haare flattern lassen. Wie ausgegrenzt mag sich dieses Mädchen wohl fühlen?

Im laizistischen Frankreich ist das Kopftuch in der Schule zu Recht untersagt. Wir indes streiten noch darüber. Doch je mehr wir streiten, je weniger wir die Dinge verbindlich regeln, desto wichtiger machen wir sie, desto ungenierter drängen sich auch Sitten, die dem europäischen Geist zuwiderlaufen, in die Freiräume unseres Alltags. Seit wir über das Kopftuch diskutieren, vermehrt es sich rapide. Und dies nicht nur weil es die Macho-Väter und Macho-Brüder in etlichen muslimischen Familien so wollen, sondern auch weil man damit auffällt, weil sich die Leute umdrehen, weil es sich exotisch anfühlt, weil man sich seiner Identität vergewissern will. Das Kopftuch ist nicht nur ein Symbol der Unterdrückung. Es kann auch Mode sein.

Jetzt freilich sind wir in Europa vom Kopftuch schon auf die Burka gekommen. Belgien, Frankreich, Straßburg, Bern: Da reden wir und reden und werten den scheußlichen Umhang auf. Also werden die schwarzen Zelte, solange sie nicht untersagt sind, künftig häufiger zu sehen sein. Aber keine Bange, am Ende wird Europa siegen – die freie Stirn, der ungehinderte Atem, das fliegende Haar im Sommerwind, der unverbaute Blick in ein selbstbestimmtes Leben. Das wäre doch gelacht!

Die Autorin ist Schriftstellerin und Journalistin.

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