Meinung : Gastkommentar: Fürchtet Euch vor den Panischen

Roger Boyes

Damals, nach der Implosion des Diepgen-Senats, war ich erfreut, dass die Berliner keinen Bundespolitiker einladen wollten, ihre seltsame Stadt zu regieren. Es war an der Zeit, dass Berlin seine eigene politische Klasse entwickelt - und ein politisches Diskussionsniveau mit mehr Tiefgang, als es die Asterix-Obelix-Sprechblasen haben, die üblicherweise im Senat zu hören sind. Jetzt aber habe ich meine Meinung geändert. Frank Steffel sollte als CDU-Spitzenkandidat zurücktreten, den Posten des Jugendministers im Freistaat Bayern übernehmen und in Berlin Platz für Wolfgang Schäuble machen.

Ich bin zwar ein eher blonder als dunkelhäutiger Ausländer, deshalb macht mir Steffels hirnloses Kanaken-Vokabular persönlich nicht so viel aus. Jeder hat ein Recht auf Dummheit in der Jugend - immer vorausgesetzt, er ist nicht gewalttätig, erkennt später die eigene Dummheit und bedauert sie. Es gibt sogar Politiker, die ihre Dummheit positiv vermarkten, wie zum Beispiel William Hague, der ehemalige Vorsitzende der britischen Konservativen, der sich damit brüstete, als Teenager 14 Liter Bier getrunken zu haben. Oder auch Friedrich Merz, der Möchtegern-James-Dean aus dem Sauerland.

Frank Steffel hat jedoch nicht die Straße nach Damaskus gewählt, sondern die des Leugnens. Das hat bei ihm schon Methode. Erst sagt Steffel, München sei die schönste Stadt Deutschlands. Dann bringen laute Proteste aus Berlin, der Perle an der Spree, sein Handy fast zum Glühen. Wie aber reagiert er darauf? Er erklärt, Rothenburg ob der Tauber sei sogar noch schöner. Verrückt. Es geht hier nicht um das Lügen. Alle Politiker haben ein begrenztes Wahrheits-Budget. Nein, es ist schlimmer: Steffel gerät in Panik. Politiker, die in Panik geraten, haben keine Zukunft.

Auch die Wahl so vieler Berater deutet auf Steffels Zugehörigkeit zum politischen Panik-Club hin. Schabowski war der größte Paniker im Politbüro. Und ich habe Freunde in Stuttgart, die trotz der guten Weine aus Baden ein langes Gedächtnis haben: Sie können ein paar Geschichten erzählen über Lothar Späths Abschied von der Politik.

Steffel enttäuscht also. Ich bin kein Fan der Großen Koalition, aber Berlin braucht eine. Emotional geteilte Städte brauchen die breitestmögliche politische Führung. Die SPD in einer Koalition mit der CDU, die bereit ist, die Rolle als Juniorpartner zu akzeptieren, das erscheint mir sinnvoll. Aber nur, wenn die Christdemokraten geführt werden von jemandem, der ein Modernisierer ist und den Willen hat, die Lando-Abstimmungsmaschinerie auszumustern.

Deswegen hielte ich es für richtig, wenn die CDU Herrn Schäuble noch einmal höflich einladen würde. Er verbrachte in den 90ern viel Zeit damit, sich auf eine Rolle in einer Großen Koalition vorzubereiten. Nun kann er sich diesen Traum erfüllen und das intellektuelle Niveau der Stadt anheben, der es trauriger Weise an intelligenten Politikern mangelt.

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