Meinung : Gastkommentar: Gebratene Luft

Pascale Hugues

Eine Straßenszene in Paris, Donnerstag letzter Woche, früher Nachmittag. An den Zeitungskiosken lehnen Plakate mit der lakonischen Nachricht des Tages: "Bourdieu gestorben". Mit einem ungläubigen Ausruf beugen sich die Passanten über "Le Monde", das den großen Soziologen mit einem Farbfoto auf Seite 1 und einem mehrseitigen Dossier ehrt. Spontan entwickelt sich ein Gespräch auf dem Trottoir: Einer der Großen ist von uns gegangen. Wir verharren einen Moment, ehe wir unseren Weg fortsetzen.

Frankreichs "engagierte Intellektuelle" üben große Faszination auf die Deutschen aus. In Berlin müht man sich in diesen Tagen, die Sehnsucht zu stillen. Gerhard Schröder holt - ganz Francois Mitterrand, in wenigen Monaten sind Wahlen - an die Tische und in die Salons des Kanzleramts, was Deutschland an Geistesgrößen zu bieten hat. Das Interesse an Kultur, hat er bei seinem Amtsantritt gesagt, sei ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Aber er wünscht krampfhaft, dass die Intellektuellen sich an den Debatten der Zeit beteiligen.

Das Fernsehen sendet das erste "Philosophische Quartett". Das ZDF hätte es nicht besser treffen können - sofern die Absicht war, mit einer anti-deutschen Propagandasendung alle schwerfälligen Klischees über das Land der Dichter und Denker zu bedienen. Zwei sittenstrenge Philosophen, ein Pfarrer und ein Alpinist, paarweise einander gegenüber sitzend, hielten Monologe. Zum Thema Angst.

"La Angst" ist neben "le Waldsterben" das einzige deutsche Wort, das wohl alle Franzosen kennen, obwohl sie sich wenig aus Fremdsprachen machen, weil es die in unseren Augen morbide Passion unserer Nachbarn für die großen existenzialistischen Abgründe illustriert. Ohne befreiendes Lachen, ohne ironische Pointen, ohne kühne rhetorische Wendungen, ohne Momente entspannten Amusements ... ohne eine Spur dessen, was die Deutschen, die sich durchaus etwas aus Fremdsprachen machen, mit begeistertem Rückgriff auf das Französische Esprit nennen. Sie schreiben die Exklusivlizenz für die delikate Gabe der leichtfüßigen Intelligenz, der Schlagfertigkeit, der pikanten Entgegnung ihren französischen Nachbarn zu - nicht ohne ein Quentchen Neid.

Stellen wir uns die gleiche Sendung in Frankreich vor. Wer würde vor die Kamera geladen? André Glucksmann, sein Pony in Pfeffer-und-Salz-Tönung maskiert den düsteren Blick. Bernard-Henry Levy, kurz BHL. Man sagt, er habe das schönste Dekolleté von Paris - so berühmt ist das weit geöffnete weiße Hemd, aus dem ein haarloser pubertärer Brustkorb hervorschaut. Ob in den Schluchten des Balkans oder den Salons von Paris: BHL zeigt seine Brust und - seine Frau. Die schöne Schauspielerin Arielle Dombasle. Man ist den wohl genährten Gästen im Philosophischen Quartett sehr dankbar, dass sie auf solchen Exhibitionismus verzichten. Wäre ja auch schwer vorstellbar: Peter Sloterdijk und Veronica Ferres als Paar. (Meine Herren, ich bitte um Verzeihung! Sie werfen mir ganz zu Recht meine französische Arroganz vor.)

Und so finde ich mich hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen wieder. Einerseits die deutsche, die nicht nur bei Musik streng zwischen U und E unterscheidet. Wer nicht drei Philosophen in einen Satz stopft, wer uns zum Lachen bringt, steht unter dem Verdacht, unernst zu sein. "Ernst", dieses harte Wort, an dem bereits kleine Jungen als Namen zu tragen hatten. Und andererseits die französische Kultur - genauer: die Pariser, die von BHL, nicht die von Bourdieu, damit wir uns recht verstehen -, die vom Windmachen und mondänen Codes lebt. Da fällt mir ein italienischer Ausdruck ein, der das Resultat der bevorzugten Aktivitäten all dieser Causeure hübsch beschreibt: "aria fritta" - gebratene Luft.

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