Gastkommentar : Gerechtigkeit für Silvio Berlusconi!

Auch dieser Italiener darf nicht protestantisch bewertet werden.

Joachim Blüher
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Foto: promo

Vor wenigen Tagen war ich in Pozzuoli, Fährstation vor Capri, zu einer archäologischen Exkursion mit den Stipendiaten der Villa Massimo. Zur Erfrischung betreten wir ein Lebensmittelgeschäft, das auch Essen anbietet. Ich bestelle eine Bratwurst mit Wirsing. Das heißt, zwei kleine. Aber die zweite Wurst ist nur halb so lang wie die erste.

6,50 Euro. Ich antworte etwas heftig, weil man mich abwimmeln will: „Dafür wollen Sie 6,50 Euro? Die zweite Wurst ist ja viel kürzer!“ Rückversicherung der Bedienung bei der Geschäftsführerin, „der Herr hat sich beschwert“, Getuschel der Verkäufer hinter dem Tresen. Ergebnis: Die zweite Wurst kostet nun die Hälfte. Da der Bon schon gedruckt ist, wollen sie mir das zu viel Gezahlte an der Kasse zurückgeben. Nach dem Essen habe ich aber Lust auf Süßes und bitte an der Kasse, mir für mein Guthaben kleine Cannoli zu geben. Die kosten allerdings etwas mehr als mein Guthaben. Ist schon in Ordnung. Das kann ich so nicht stehen lassen und gebe Trinkgeld. Was vorher grimmig war, ist jetzt einem offenen Lachen gewichen. Wegen dieser kleinen Geschichte werde ich das nächste Mal, wenn ich den Laden betrete, wie ein alter Kunde begrüßt. Sicherlich wird man mir eine halbe Wurst nicht mehr zur Hälfte berechnen, sondern gleich eine ganze geben.

Kommt Ihnen da etwas bekannt vor? Ich sage Ihnen, Sie kennen Italien nicht! Silvio Berlusconi, das bedeutet in der deutschen Wahrnehmung: Angriff auf die Verfassungsorgane, Mädchen, Machtmissbrauch, Medienkonzentration auf dem Weg in den autoritären Staat, Korruption, Niedergang. Das kann man so sehen, wenn man Berlusconi im Wirkungsbereich des deutschen Parteiengesetzes, der Verdingungsordnung für das deutsche Baugewerbe und einer protestantischen Ethik von Gemeinsinn, Rücksichtnahme, Respekt und Verantwortung gegenüber dem Amt und den Personen ansiedelt.

Da ist er aber nicht. Er ist Ministerpräsident von Italien, und Italien ist nicht einfach anders als Deutschland, nein, es ist das reine Gegenteil. Aber es ist nicht gesetzlos. Es ist ein Staat mit freien Wahlen, freier Presse und denselben Institutionen, wie sie alle europäischen Demokratien haben. Es ist ein Staat der, bitteschön, funktioniert. Stellen Sie die Arroganz, die sich im Wesentlichen aus dem schlechten Zustand italienischer Straßen und dem klebrigen Auftritt eilfertiger Kellner in einem Touristenrummelrestaurant, das Sie gerade betreten haben, um zu speisen, einmal beiseite.

Ist es nun ein schlechtes Land, nach dem wir uns seit Jahrhunderten sehnen? Natürlich nicht! Politiker werden hier seit der Antike von bestimmten Formeln getragen. Sie sind nie allein, sie sind so stark wie ihre Entourage. Ihre Macht zeigen sie nicht, indem sie demütigen und verweigern, sondern indem sie beschenken und möglichst viele tatenlose Menschen um sich versammeln. Nur tatenlose Menschen sind der Macht verfügbar und konstituieren sie bis ins Visuelle. Und Geschenke waren schon immer die Voraussetzung fürs Herrschen.

Zu einem Politiker gehört Gesundheit, zu einem Mann gehört Virilität: Dafür sind die Mädchen da. Berlusconi ist reich und deswegen mit Sicherheit nicht korrumpierbar. Er hat die schönsten Frauen, er hat Villen und einen künstlichen Vulkan auf Sardinien. Sein Witz hat für uns manchmal zweifelhaften Geschmack, aber bekanntlich verstehen sich die Völker beim Humor am wenigsten. Er ist gastfreundlich und großzügig, er zelebriert Macht wie ein Caesar, so, wie es nur in Ländern möglich ist, die nie unter die Kuratel der Reformation geraten sind. Im Norden Europas Kritik, Härte und Verzicht, einer für alle. Am Geburtsort der Gegenreformation: Applaus! Alle für einen.

Dabei wird vieles bewältigt: Der Müll von Neapel war in Wochenfrist beseitigt, nachdem die campanische Linke fast ein Jahr nur diskutiert hatte. Haben Sie einmal vor einem italienischen Gericht gestanden? Sie wären für Berlusconi und seine Justizreform. Haben Sie einmal Kinder auf italienischen Schulen gehabt, die gerne noch die Pädagogik unserer Großeltern pflegen? Sie wären für Berlusconis Unterrichtsreform. Und dann seine Frauen. In Deutschland haben manche Politiker vier Frauen. Das ist die protestantische Version, eine nach der anderen, fein säuberlich getrennt durch Scheidung. In Italien haben sie auch nicht mehr Frauen, aber sie haben sie nebeneinander oder nacheinander, das ist vergnüglicher, selbst für das Publikum.

Nein, bei uns ist Berlusconi der, der immer nur feiert und betrügt und missbraucht. Herrschaften, Respekt! Hier wird nicht Bach gespielt, hier ist Aida. Große Oper! Und Opernhäuser werden professionell geführt. Haben Sie wirklich vergessen, warum Sie immer nach Italien reisen wollen?

Der Autor ist Direktor der Deutschen Akademie „Villa Massimo“ in Rom.

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