Meinung : Gastkommentar: Im Zweifel für Deutschland

Arnaud Leparmentier

Neonazis ertränken Kind" - als mein Blick am Donnerstag vor zehn Tagen am Frankfurter Flughafen auf die Schlagzeile der "BILD"-Zeitung fiel, habe ich ganz schnell weggeschaut. Habe ich nicht gesehen, will ich nicht sehen. Am nächsten Tag war das nicht mehr möglich. Die Geschichte über Joseph Abdulla stand in allen Zeitungen. Das Schlimmste, das Unvorstellbare: Es war geschehen - in Deutschland. Plötzlich überlegten die Deutschen nicht als Erstes, wie das wohl im Ausland wirken würde. Dafür war der Vorfall zu gravierend: Im Vordergrund stand die Sorge, dass die Deutschen ihre Seele verlieren.

Und ich muss über diese Sache berichten. In den Monaten zuvor hatte ich als Berliner Korrespondent zunehmend das Gefühl, dass ich Deutschland vor meinen französischen Lesern in Schutz nehme. Meine Landsleute neigen dazu, zweifelhafte Parallelen zur Vergangenheit zu ziehen, auch wenn sie dabei etwas klüger vorgehen als die Angelsachsen. Nein, Deutschland ist nicht Österreich, Stoiber kein Haider, so habe ich immer wieder vehement argumentiert. Aber dann fühlte ich mich allmählich in der Rolle eines Anwalts, den sein Klient schamlos belügt. Deutschland ist ein normales Land, sagte ich - aber fast jeden Tag ereignete sich Anormales: Der Tod des Mosambikaners Alberto Adriano, die Bombe von Düsseldorf, die zehn Fremde verwundete, die Brandanschläge auf Synagogen. Und was, wenn die Kassandra-Rufer Recht behielten?

Die Demonstration am 9. November war ein aufmunterndes Zeichen. Deutschland ist fähig, die Apathie abzulegen. Mit Joseph Abdulla aber öffnete sich ein Abgrund, kam für mich der Bruch: Wenn das stimmt, darf ich Deutschland nicht mehr verteidigen. Wenn jemand die Deutschen als Nazi-Söhne bezeichnet, was bleibt mir übrig, als zu nicken? Beim Treffen unter Franzosen am Freitagabend sind wir alle schockiert, die wir Deutschland mögen, auch wenn es uns manchmal nervt. Samstag soll auch noch die NPD durch Berlin marschieren. Die Staatsanwaltschaft in Dresden hat die Fakten noch nicht bestätigt, tröstet uns der AFP-Kollege. Fehlt ihm das Gespür für die Geschichte?

Ich sende meinen Text, mache die Kollegen auf die Ungereimtheiten aufmerksam, ohne recht überzeugt zu sein. Meine Chefredaktion hält Deutschland zugute: Im Zweifel für den Angeklagten - und titelt: "Verdächtiges Ertrinken eines Immigrantenkindes in Sachsen". Wie lauwarm, denke ich mir, sind die Fakten nicht erdrückend? Am Montag dann ein Stoßseufzer der Erleichterung. Deutschland kann nach vier Tagen seine Seele vielleicht wieder finden. Nun soll ich erklären, wie es kommen konnte, dass so viele die Geschichte glaubten. Fehlende Professionalität: bei der Polizei, der Justiz, den Medien, allen voran die "BILD"-Zeitung.

Sebnitz ist Opfer einer Verleumdung. Oder fallen wir jetzt von einem Extrem ins andere? Es gibt dort einen Bodensatz von Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus.

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