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Gastkommentar : Israel wird beschossen - in Deutschland heißt es: selber schuld

25.03.2011 10:36 UhrVon Melody Sucharewicz
Melody Sucharewicz zog mit 19 Jahren nach Israel.Bild vergrößern
Melody Sucharewicz zog mit 19 Jahren nach Israel. - Foto: privat

Deutschland muss einen konstruktiven Beitrag für den israelisch-palästinensischen Konflikt leisten, statt die Wahrheit zu verzerren. Ein Gastkommentar.

Was haben 50 Tonnen Waffen, ein abgerissener Arm, ein fünffacher Lynchmord, ein Raketenregen und eine Taschenbombe in einer Menschenmasse gemeinsam? Sie alle waren Teil von Nachrichten aus Israel in den vergangenen Tagen. Und sie alle ließen die Welt erstaunlich kalt. Zu viele Horrorfilme gesehen? Zu viele Berichte, zu wenig Neugier? Das ist bedauerlich, denn gerade Deutschland könnte eine so wichtige wie konstruktive Rolle spielen in der unendlichen Geschichte des Nahostkonflikts: durch seine besondere Beziehung zu Israel, seine führende Rolle in der Europäischen Union und seinen Sinn für Recht und Gerechtigkeit.

In der vergangenen Woche stoppte die israelische Armee die „Victoria“, ein Schiff, das vorgab Watte zu transportieren, in Wahrheit aber Waffen an Bord hatte.

Sie stammten aus dem Iran und waren für die Hamas bestimmt. Fakten lassen sich nicht unendlich biegen. Die Gaza-Blockade dient nicht dazu, die Palästinenser von Hilfsgütern abzuschneiden. Sie wurde ein weiteres Mal durch Fakten legitimiert.

Wäre der Victoria-Schmuggel von 50 Tonnen Waffen nicht entlarvt worden, wäre die Hamas jetzt im Besitz iranischer C-704 Raketen. Hinter dieser Bezeichnung verbergen sich 35 Kilometer Reichweite, 150 Kilogramm Sprengstoff, eine hohe Zielgenauigkeit und damit die Fähigkeit, strategische Ziele und Städte in Israel treffen zu können.

Wären all die anderen iranischen Waffenlieferungen an die Hamas unter Watte oder Babywindeln entdeckt worden, hätte der 21-jährige arabische Arbeiter Iyad Bashir heute vielleicht noch beide Arme. Einer wurde ihm letzte Woche abgerissen, als er bei Jerusalem einen Müllsack griff, in dem eine Rohrbombe versteckt war. Dass zwei Tage danach ein Terrorist bei einer Checkpoint-Durchsuchung in der Westbank mit fünf Rohrbomben gefasst wurde, ist den Medien genauso entgangen wie der verlorene Arm. Und zwar nicht, weil in Japan ein Tsunami Atomkraftwerke zerstört hat – das Attentat geschah Tage zuvor –, sondern weil solche Nachrichten grundsätzlich übergangen werden. In Deutschland hat, soweit ich weiß, einzig und allein Greenpeace Online darüber berichtet – wohl wegen der zentralen Rolle des Müllsacks.

Die prasselnden Mörsergranaten der letzten Tage und die Grad-Raketen, die am Mittwochmorgen in Beersheva einschlugen, mehrere Menschen verletzten und viele traumatisierten, blieben ebenso unbeachtet. Bis noch am selben Tag ein Attentat auf einen Bus das Land erschütterte, das erste dieser Art seit langer Zeit: Eine Tote und 30 Verletzte in Jerusalem, durch eine Taschenbombe an einer vollgepackten Haltestelle. Bereits wenige Stunden später lief das bei Spiegel Online unter dem Titel „Israel droht mit Gegenschlag“.

Diese Tragödie hätte vielleicht verhindert werden können, wenn der mediengetriebene Druck der internationalen Gemeinschaft weniger auf den umstrittenen, doch reversiblen Siedlungsbau gerichtet wäre und mehr auf die systematische und irreversible Feindbilderziehung in palästinensischen Medien und Schulen. Dort werden Märtyrertum, Israel- und Judenhass vor Freiheit und Frieden gestellt. Erst kürzlich wurde die Straße des Präsidentensitzes in Ramallah nach einem Terroristen benannt, der dutzende Israelis getötet hat. Kein Wunder, dass angeblich die Hälfte der palästinensischen Kinder zwischen sechs und elf davon träumt, Selbstmordattentäter zu werden.

Gerade jetzt, wo die Welt live erlebt, wie neue Medien mithelfen, Realitäten zu verändern und einer ganzen Generation im arabischen Raum die Mittel und Motivation zu geben für die Freiheit und gegen das Despotentum zu kämpfen, gerade jetzt ist es an der Zeit, endlich auch einen konstruktiven Beitrag für den israelisch-palästinensischen Konflikt zu leisten, statt die Wahrheit zu verzerren.

Ja, das ist ein Appell. Eine Bitte. Und hier noch eine: Bis das nicht der Fall ist, bis die Menschen vor allem in Deutschland keinen Einblick erhalten in die Realität mit all ihrer Komplexität, bis dahin, liebe Medien, berichtet bitte nie wieder über ein Attentat so grausam wie das, das hier letzte Woche stattgefunden hat. Das, bei dem einer ganzen Familie mit drei Kindern im Schlaf die Kehlen aufgeschlitzt wurden. Dieses Attentat kann, ebenso wie das Attentat am Mittwoch in Jerusalem, durch keine Siedlung, durch kein verzerrendes Soundbite, durch kein Fingerzeigen weniger schrecklich werden. Nach den Berichten über diesen Mord an einer Familie wusste ich nicht mehr, was schlimmer ist, die Manipulation der Medien oder die Heuchelei der Linken. Zum ersten Mal habe ich mich dafür geschämt, Deutsche zu sein. Es waren zu viele Menschen in Deutschland, die sagten: selber schuld.

Die Autorin wurde in München geboren und zog mit 19 Jahren nach Israel. 2006 gewann sie die israelische Reality-Show „Der Botschafter“ und arbeitet heute als Beraterin für verschiedene politische Institutionen und Organisationen.

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