Meinung : Gastkommentar: Kamikaze Shoppen auf dem Kudamm

Roger Boyes

Eigentlich habe ich immer gedacht, dass die Passauer Straße eine Art Fortsetzung des KaDeWe ist. Doch vor ein paar Tagen wollte meine Frau bei Planet Nails ihre vorweihnachtliche Maniküre machen lassen - was leider ausfallen musste, weil dort ein Ukrainer ein Blutbad angerichtet hatte. Nun ja, so was kann passieren, dachten wir, Berlin wird halt eine richtige Metropole. So gingen wir die Passauer ein Stück weiter hinunter, um etwas bei Rockendorf zu essen. Auch Fehlanzeige: Der Chef war tot, erstickt am eigenen Essen.

Die Passauer, so viel ist klar, ist nicht unsere Straße: einfach zu gefährlich. Die wirklich aktuelle Gefahr findet sich freilich ein wenig weiter weg: Es ist der grimmig dreinschauende Mob der Weihnachtseinkäufer, der in Sechserreihen über den Tauentzien marschiert. Ein Spiel gegen Schalke ist nichts gegen die Tumulte in dieser Weihnachts-Masse. Es wird geschubst und gedrängelt, man arbeitet mit Ellenbogen und Knien, man wird mit Grippe-Viren angehustet und auf den Fuß getreten. Nach einer Weile fühlt man sich, als wäre man ein Sklave in dem Film "Gladiator", nur ein bisschen dicker angezogen.

In den Geschäften selbst sieht es noch übler aus. Die Räume sind notorisch überhitzt, die Verkäufer zeigen Symtome klinischer Depression (Apathie, Unfähigkeit zu kommunizieren, unnatürliches Schlafbedürfnis) und die kaufbereite Masse drückt sich Richtung Kasse als ginge es darum, die Bastille zu erstürmen.

Angesichts dessen gibt es nur einen Ausweg: sich einfach hinzusetzen. Deshalb hier ein kleiner Leitfaden - als besonderer Service für alle Tagesspiegel-Leser, die sich heute, am 23. Dezember, zum Kamikaze-Shoppen aufmachen. Im KaDeWe findet man Stühle stets nahe beim Aufzug. Sie sind eigentlich immer von Männern besetzt, vor allem wenn vis-a-vis eine hübsche Verkäuferin arbeitet. Bei Peek und Cloppenburg sind Sitze Mangelware. Unten, im Keller, wird sowieso erwartet, dass man jung genug ist, um zu stehen. In der Galerie Lafayette in der Friedrichstraße gibt es bequeme Sofas, allerdings nur im ersten und zweiten Stock. DKNY hat die Sofas abgeschafft. Nun muss man dort auf Metall-Barhockern sitzen und Cappuccino für umsonst trinken. Uli Knecht am Kudamm hat ein gutes Sofa ganz hinten im Laden. Dort findet man auch viel Lesestoff, inclusive die Illustrierte GQ, ein nützlicher Ratgeber, wenn man wissen will wie man einen Orgasmus bekommt und CD-Player kauft.

Ich sollte einen vergleichenden Führer über Sofa-Shops in Berlin schreiben, im Stil eines Michelin-Führers - und damit fertig sein, wenn das Rabattgesetz gefallen ist. Währenddessen wünsche ich allen eine gute Jagd - und, oh ja, fröhliche Weihnachten.

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