Gastkommentar : Karsai knickt vor den Warlords ein

In Afghanistan hat die Demokratie keine große Chance. Warum überlässt Hamid Karsai, ein Präsident, der als "moderat" bezeichnet wird, den feudalen Warlords so viel Einfluss?

Irshad Manji

Früher habe ich daran geglaubt. Gerade als feministische Muslimin habe ich an die Nato-Mission in Afghanistan geglaubt. Das ist jetzt vorbei.

Vor ein paar Tagen brachten die Taliban eine afghanische Frauenrechtsaktivistin um. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Hamid Karsai, der Präsident des Landes, ein weiteres frauenfeindliches Gesetz unterschrieben hatte. Nach der Kritik, er würde wegen der bevorstehenden Wahlen vor den Warlords einknicken, hat Karsai eine Überprüfung des Gesetzes angeordnet. Menschenrechtler nannten das einen „Triumph“. Dieser Sieg, wenn man es so nennen mag, wird nicht von langer Dauer sein. Ich komme zunehmend zu dem Schluss, dass Afghanistans Problem größer ist als widerständige Taliban oder eine mutlose Zentralregierung. Es ist ein so grundlegendes Problem, dass ich mir zum ersten Mal die Frage stelle, ob die Nato-Truppen nicht das Land verlassen sollten.

In den vergangenen Jahren habe ich auf öffentlichen Veranstaltungen immer wieder argumentiert, dass die militärische Präsenz des Westens in Afghanistan richtig ist. Meinen Freunden auf der Linken habe ich ein ums andere Mal gesagt, dass die Afghanen selbst die Truppen im Land belassen wollen. Meinen pazifistischen Freunden habe ich gesagt, dass man gegen Krieg und gleichzeitig für Interventionen sein kann. Und jenen, die nicht wollten, dass ihre Männer und Frauen in Uniform sterben, habe ich gesagt, dass die Soldaten das Risiko ihres Berufs kannten. Aufzugeben, wenn die ersten Särge zurückkommen, hieße, dass wir kein Rückgrat haben. Die Botschaft an die Taliban wäre: Wir lassen uns schnell beeindrucken.

Aber inzwischen frage ich mich: Wofür genau sterben unsere Soldaten? Kurz nach den ersten freien Wahlen in Afghanistan forderten die Mullahs, dass ein Afghane, der zum Christentum konvertiert war, getötet würde. Was mich entsetzte: Karsai widersprach ihrer Interpretation des Islam nicht. Er hätte es leicht tun können, mit einem Verweis auf den Koran, der sagt, dass es keinen Zwang in der Religion gibt. 2008 wurde ein Journalist zum Tode verurteilt, weil er einen Artikel aus dem Internet heruntergeladen und verteilt hatte, der die Rolle der Frauen im Koran kritisiert. Er sitzt noch immer im Gefängnis.

Seitdem hat der elegante und gebildete Karsai immer wieder zu Verurteilungen im Namen der Ehre geschwiegen, ob zu Massenvergewaltigungen oder Säureanschlägen auf Schulmädchen. Warum überlässt ein Präsident, der als „moderat“ bezeichnet wird, den feudalen Warlords so viel Einfluss? Weil er, wie die Militärs sagen, um jeden Preis ein Blutbad vermeiden muss. Aber ist es sinnvoll, Unschuldige über die Klinge springen zu lassen, um so größeres Unheil zu verhindern?

Traurigerweise lautet die Antwort: ja. Kultur ist widerständig, und in Gesellschaften, die von der arabischen Kultur geprägt sind, spielt Stammessolidariät eine entscheidende Rolle, wie der muslimische Intellektuelle und Begründer der modernen Soziologie Ibn Khaldun deutlich gemacht hat. Was passiert, wenn Stämme um die Macht kämpfen? Es entsteht ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Das kann letztlich dazu führen, dass Warlords als rechtmäßiger angesehen werden als ein demokratisch gewähltes Parlament – als legitimer, weil sie der afghanischen Kultur entsprechen.

Kein Wunder also, dass ein moderater Präsident sich immer wieder den Gangstern unterwirft. Kein Wunder, dass eine Militärmacht gegen diese Kräfte nicht ankommt. Kein Wunder, dass ich inzwischen den Verdacht habe, dass Präsident Obamas Strategie, mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken, nicht den Guten im Land weiterhilft. Soldaten können Stabilität schaffen. Aber wenn Stabilität bedeutet, dass immer wieder Gewalt ausbricht, was bedeutet es dann überhaupt noch zu siegen?

Die Autorin ist Direktorin des Moral Courage Project, das von der New York University und der European Foundation for Democracy getragen wird. Aus dem Englischen von Moritz Schuller.

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