Meinung : Gastkommentar: Kaviar für die Toskana-Fraktion

Jacob Heilbrunn

In den USA hatte man stets die schlimmsten Befürchtungen gegenüber Sozialisten. Sozialisten und Kommunisten, das war sowieso alles eins. Links gerichtete Akademiker haben schon Stapel von Büchern geschrieben, die mit Wehmut danach fragen, warum der Sozialismus in den USA nicht erfolgreich war. Aber ein Aspekt ist völlig neu.

Man war ja schon an alles gewöhnt: an Kurt Schumachers feurige Reden gegen die amerikanischen Besatzer oder Helmut Schmidts Belehrungen in den 70er Jahren. Trotzdem hätte niemand deutschen Sozialismus mit Kaviar in Verbindung gebracht. Und erst recht nicht im Zusammenhang mit einem Mann, der sich mit strategischen Fragen beschäftigt. Nein, für diese Erkenntnis brauchte es Michael Steiner, der in den letzten Tagen auch in den USA besonderes Interesse geweckt hat, genau wie Rudolf Scharping mit seiner Liebesgeschichte. Statt mit preußischer Festigkeit scheinen die Befehlshaber des deutschen Militärs mit neuen Methoden zu arbeiten, die mehr ihnen selbst nutzen als dem Staat. Man staunt und reibt sich die Augen.

Das wirft nun eine heikle Frage auf: Ist so ein Land fähig, gegen den Terrorismus mitzukämpfen? Sind die eigentlichen Drückeberger die Politiker und gar nicht die Soldaten? Dass man ausgerechnet Sozialisten mit diesen Fragen konfrontieren muss, ist einigermaßen verblüffend. Erstaunlich ist außerdem, dass gerade die Sozialisten, bei denen man nicht gerade Eifer für den Krieg erwartet hätte, den USA fast hinterherrennen und Gerhard Schröder bettelt, dass sein Land mitgenommen wird.

Das hätte man von den Konservativen erwartet. Jetzt operieren die Sozialisten mit konservativen Methoden. Sie sind nicht nur proamerikanisch, sondern versuchen auch noch, ein genussvolles Leben zu führen. Nichts mehr ist von der legendären sozialistischen Zähigkeit und sozialistischem Selbstverzicht zu spüren. Aus der Toskana-Fraktion ist jetzt sogar eine Kaviar-Fraktion geworden.

Die Vorliebe für die Toskana störte die USA nicht, denn viele Amerikaner reisen selbst gerne nach Italien. Aber beim Kaviar hört die Gelassenheit auf. Die Tragödie ist, dass Steiner das alte Bild von einem Deutschen zugleich unterminiert und bestätigt hat. Niemand würde bei einem Sozialisten das Bedürfnis nach Kaviar vermuten. Aber dass ein Deutscher nach Gehorsam schreit und einen Wutanfall bekommt, weil seine Befehle nicht sofort ausgeführt werden, passt ins alte Klischee vom konservativen, wilhelminischen Deutschland.

Weitere Indizen für einen Rückfall in alte Gewohnheiten sind die Pläne, in Berlin Bunker als Sicherheitsmaßnahmen zu bauen. Aber es gibt einen Ausweg. Dass die Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg stattfindet und nicht in Berlin, ist ein Segen für die Deutschen. Alles kann wieder abgewälzt werden auf das alte, vertraute, friedliche Bonn. Es war ja ausgerechnet das Petersberger Abkommen, das Deutschland 1955 seine Souveränität zurückgab.

Amerikanische Erinnerungen an das kleine Deutschland werden wach, wenn noch einmal über die Souveränität eines Landes verhandelt wird, das von einer diktatorischen Bande befreit wurde. Aller Höflichkeit zum Trotz kann man aber nur hoffen, dass dabei ein Gericht nicht auf der Tageskarte steht: Kaviar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar