Gastkommentar : Kein Terror im Namen Gottes!

Der Gazakrieg lehrt: Den Extremisten muss Paroli geboten werden. Viele liberale Muslime begehen gerade den Fehler, den islamischen Extremismus angesichts der israelischen Militäraktionen reinzuwaschen.

Irshad Manji

Vor einigen Jahren führte ich im Gazastreifen ein Fernsehinterview mit dem politischen Führer des „Islamischen Dschihad“, dem Arzt Mohammed Al Hindi. Ich fragte ihn: „Wo steht im Koran geschrieben, dass man sich für einen höheren Zweck umbringen darf?“ Al Hindi ließ mir durch einen Übersetzer mitteilen, es gebe „überall“ im Koran entsprechende Stellen. Ich forderte ihn auf, mir wenigstens eine davon zu zeigen. Al Hindi blätterte minutenlang im Koran und holte sich per Handy Rat. Dann sagte er mir, er sei jetzt zu beschäftigt und müsse aufbrechen.

„Sind Sie sicher, dass Sie mich nicht angelogen haben?“, fragte ich ihn. Al Hindi holte zwei seiner Helfer. Sie blätterten durch den Koran und zeigten mir einige Minuten später eine Passage, in der der Krieg verherrlicht wurde. Um Selbstmordattentate ging es aber nicht. Auf meinen Einwand hin sagte Al Hindi, dass es der Islam erlaube, sich selbst zu verteidigen. „Wenn ein Dieb an Ihre Haustür kommt und Ihnen Geld klaut, ist es dann nicht legitim, sich selbst zu schützen?“, sagte er. Es fiel mir schwer, eine Verbindung zwischen Selbstmord und Selbstverteidigung herzustellen. Ich antwortete ihm mit einer Gegenfrage: „Wenn mein Chef mir meinen Job nimmt und ich mich umbringe, weil mir etwas weggenommen wurde, was mir gehörte – bin ich dann ein Märtyrer?“

Der Übersetzer war entsetzt: „Nein, nein, sie können diese Frage nicht stellen.“ „Warum nicht?“, sagte ich. „Theologisch betrachtet ist es wichtig, solche Fragen zu stellen.“ In diesem Moment ging meine Kamera aus, weil die Batterie leer war. Mein Übersetzer flüsterte mir zu, das sei ein Glücksfall – andernfalls hätte Al Hindi wohl versucht, mich umzubringen. Der Übersetzer und ich hasteten nach draußen.

Die Krise in Gaza hat mich an diese Begegnung erinnert. Gerade jetzt machen viele liberale Muslime den Fehler, den islamischen Extremismus angesichts der israelischen Militäraktionen reinzuwaschen. Hilfreicher wäre es – vor allem für die Palästinenser – wenn die Muslime laut Fragen stellen würden. Viel zu lange haben wir es selbst ernannten „höheren Instanzen“ überlassen, Dinge zu interpretieren. Wir haben ihnen die Möglichkeit gegeben, ihre Macht zu missbrauchen. Wir Muslime haben darüber vergessen, dass es eine eigene Tradition des unabhängigen Denkens gibt: Es wird „Idschtihad“ genannt.

Während Hunderten von Jahren haben drei Gleichsetzungen die herkömmliche Praxis des Islam bestimmt. Erstens: Einheit ist gleichbedeutend mit Einförmigkeit. Um stark zu sein, müssen alle Muslime auf der Welt dasselbe denken. Zweitens: Diskussionen und Debatten werden mit einer Spaltung des Islam gleichgesetzt. Und drittens wird Spaltung als Ketzerei aufgefasst. Das hatte zur Folge, dass jede Weiterentwicklung des Glaubens gestoppt und der Geist des „Idschtihad“ unterdrückt werden musste.

Dieses Verhaltensmuster existiert bis heute. Vor kurzem predigte der Imam meiner Mutter in Vancouver, ich sei eine schlimmere „Kriminelle“ als Bin Laden, weil meine religiösen Ansichten die Muslime mehr gespalten hätten als der Terror von Al Qaida.

Den Übersetzer in Gaza fragte ich später, warum mir Mohammed Al Hindi ein Fernsehinterview gab, obwohl ihm klar sein musste, dass er nicht eine einzige Koranstelle finden konnte, in der Selbstmordattentate gerechtfertigt wurden. „Er nahm an, dass Sie einer dieser dämlichen westlichen Journalisten sind“, sagte er. Reporter aus dem Westen hatten ihm offenbar die wesentlichste aller Fragen bisher gar nicht gestellt: „Wo gibt es einen Beleg für das, was sie im Namen Gottes tun?“

Es wäre an der Zeit, dass sich die Medien mit den Muslimen zusammentun, um die Gelegenheit des „Idschtihad“ zu ergreifen. Mit entsprechenden Sicherheitstipps werde ich gerne aushelfen.

Irshad Manji ist Journalistin und Direktorin des „Moral Courage Project“ der New York University und der European Foundation for Democracy. Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Leber.

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