Meinung : Gastkommentar: Lesen und lesen lassen

Pascale Hugues

Was machen wir heute Abend? Ich schlage die "Zitty" auf und lasse mich hinwegtragen von den Fluten des Kulturangebots der Berliner Nächte. Kino. Führungen. Vernissagen. Konzerte. Partys ... Auf der Mitte der Seite, in einem kleinen Kasten, diskret, ohne großen Wirbel: 20 Uhr. Bücherstube Marga Schoeller. Lesung. Es ist kein Erfolgsautor, der die Säle füllen würde. Auch kein Fräuleinwunder oder ein von den Medien ausgerufener Star der Saison. Sondern eine Autorin, von der ich zuvor noch nie gehört habe. Es ist ihr erster Roman. Neugierig geworden, entscheide ich mich für sie.

Die Lesung ist eine Institution, die es in Frankreich nicht gibt. In meinem Land werden die Schriftsteller eingeladen, an Diskussionen teilzunehmen. Die Zeitungen drucken ihre Essays, aber niemand denkt daran, sie auf eine Bühne zu setzen. "Für die drei Leute, die da kommen, lohnt sich das doch nicht!" Die französischen Verleger sind da nicht gerade enthusiastisch. Auch mir war diese Gewohnheit am Anfang sehr fremd. Sich auf einen geschriebenen Text zu konzentrieren, der vorgelesen wird, ist nach einem Arbeitstag nicht einfach.

20 Uhr. Bücherstube Marga Schoeller. Das Publikum bei solchen Lesungen ist immer das gleiche: Frauen um die Fünfzig. Die Mehrheit trägt Brille. Es gibt solche, die neben der Heizung sitzen und die beim ersten Satz einschlafen. Solche, die nicken, wenn sie die ausgewählten Passagen erkennen. Solche, die ohne Unterlass lächeln, um den Autor zu ermutigen, wenn er über ein Wort stolpert. Solche - für den Schriftsteller absolut entwaffnend - die mit leeren Augen geradeaus schauen, als wären sie hypnotisiert. Solche, die von einer Lesung zur nächsten gehen, heute Charlottenburg, morgen Zehlendorf, als nähmen sie an einer mondänen Rallye teil. Und es gibt immer jene, an denen Sie verzweifeln: ein Herr mit Hustenanfall, eine Dame, die in einem Plastiksack wühlt, eine Verrückte, die unbedingt eine Frage ohne Anfang und Ende stellen muss, ein Langweiler, der sich in einem Monolog ohne Ende verliert.

Während unsere Schriftstellerin also mit ruhiger Stimme ihren Text liest und die kleine Abendgemeinde darin versinkt, befällt mich ein Schwindel, weil ich an die 380 000 Bücher denken muss, die nächste Woche in Frankfurt bei der Buchmesse vorgestellt werden. Und ich höre das Sterbeglöckchen, das seit Jahren vom Ende des Buchs kündet: Es gibt eine Überproduktion. Man merkt es an der Qualität. Die Leute lesen nicht mehr. Die elektronischen Medien werden das Papier ersetzen.

Die Schriftstellerin hat aufgehört zu lesen. Sie signiert ihren Roman. Ein Glas Wein in der Hand, streichen wir, ihre Leser, an den Bücherregalen entlang, wir blättern in den Neuerscheinungen, decken uns ein für die langen Herbstabende, tauschen ein paar Geheimtipps aus. Diese warme Intimität beruhigt mich. Ich vergesse Frankfurt, solange es Lesungen gibt.

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