Meinung : Gastkommentar: Mit Otto Schily beim Frisör

Pascale Hugues

Nur die Dummen bleiben sich treu, sagte Georges Pompidou. Eine ebenso einfache wie überzeugende Maxime, die die ergrauten deutschen Herrn Minister, vom Wendland in die Toskana emigriert, immer wieder gerne zitieren dieser Tage.

Kaum haben wir die Lederjacke und den Motorradhelm des pubertierenden Joschka vergessen, schon entdecken wir den Parka und die Jeans des jungen Otto. Es ist tatsächlich schwer zu glauben, dass der gleiche unnachgiebige Minister, der sich seit Wochen in Gesetze zur Inneren Sicherheit verbissen hat, wie man sie in Deutschland noch nicht kannte, in seiner Jugend Anwalt der RAF war, eine Ikone der Protestgeneration der siebziger Jahre und Gründungsmitglied der Grünen. Eine zu radikale Häutung, finden die Deutschen, um nicht suspekt zu sein.

Einige von Schilys Vorschlägen lassen einem die Haare zu Berge stehen, und man kann ihre Effektivität im Kampf gegen den Terrorismus anzweifeln. Sicherlich ist es auch befremdlich, von einem Extrem ins andere zu schlittern ... Aber Pompidou hat Recht. Es gibt nichts Schlimmeres als die Alten, die ewig jung bleiben wollen. Und es gibt nichts Schlimmeres als die, die sich ihr ganzes Leben lang an der gleichen Idee festklammern.

Vor einigen Monaten erst hat man dem Außenminister seine Sponti-Jugend vorgeworfen. Heute wirft man dem Innenminister vor, die gleichen linken Ideale verraten zu haben. Und der arme Schily gilt gleich als doppelter Verräter. Zum einen, weil er mit 69 Jahren seinen jugendlichen Überzeugungen abschwört. Zum anderen, weil er ein Sprössling des Großbürgertums ist. Denn Deutschland hat plötzlich seine Leidenschaft für genealogische Fragen entdeckt. So wissen wir jetzt, dass der Minister Sohn einer kulturbeflissenen Industriellenfamilie aus dem Ruhrgebiet ist, außerdem ein Freund der Anthroposophen, der Pirandello liest und einen Flügel besitzt.

Es ist dieser konformistische Moralismus, mit dem sich die Edelfedern dieses Landes schmücken, sobald es darum geht, ihre Minister zu demontieren, der mich so verblüfft. In Deutschland braucht es so wenig, um ein Verräter zu sein! Eine Krawatte oder ein gut geschnittener Dreiteiler, ein Haus in der Toskana (ah, Sie haben ein Haus in der Toskana ...), ein Dienstauto, eine Putzfrau, Havanna-Zigarren statt filterloser Gauloises und einen Flügel in einer Ecke des Salons - das sind unverzeihliche Statussymbole. Diese Symptome eines dahinsiechenden Bürgertums reichen schon aus für den Verrat.

Ich für meinen Teil stehe jetzt vor einem großen Gewissenskonflikt. Wir, Otto Schily und ich, haben nämlich den gleichen Frisör. Ich habe das neulich zufällig mitbekommen und wäre fast aufgesprungen, um die Flucht zu ergreifen. Schily ist zweifellos der schlecht frisierteste Minister des ganzen Kabinetts. Neben Otto Schilys verkrampftem Cäsaren-Look wirkt sogar Angela Merkel mit ihrem Topfschnitt wie ein verführerischer Vamp. Und es ist auch einmal wichtig, hier festzuhalten, dass die Frisur die einzige Konstante ist in Schilys wendungsreicher Biografie. Der leidenschaftliche RAF-Anwalt hatte exakt den gleichen Schnitt wie der Law- und Order-Prediger. Und mich hat ein quälender Zweifel gepackt. Ist die Wahl eines Frisörs purer Zufall oder Zeichen meiner definitiven und unerträglichen Verspießerung?

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