Gastkommentar : Nur nicht auffallen!

"Islamistin, Terroristin und Schlampe": Der Mord von Dresden zeigt die Islamfeindlichkeit in diesem Land.

Aiman Mazyek
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Aiman Mazyek -Foto: ddp

Vielleicht hatten wir nicht genug Angst gehabt“, sagte Elwi Ali Okaz und fing wieder an zu weinen. Ayyub Köhler, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, und ich saßen am Tag der Trauerfeier in Dresden am Krankenbett dieses Mannes, der so viel Leid hat erfahren müssen und dem zwei seiner engsten Familienangehörigen ermordet worden sind: seine Frau Marwa und sein noch nicht geborenes Kind im Bauch der Mutter.

Elwi Ali Okaz kann nicht richtig atmen, seinen Brustkorb nicht richtig bewegen, wegen der beinahe tödlichen Messerstiche, die der Mörder von Marwa ihm an Hals und Brustbein versetzte. Besorgt schaute sein Bruder, der neben uns stand, mir in die Augen mit einem verzweifelt fragenden Blick: Was hat er Deutschland angetan, dass er nun so was erleben musste?

In der muslimischen Gemeinschaft gibt es kaum ein anderes Thema, das die Menschen so tief aufwühlt, polarisiert und ebenso stark verunsichert wie der Mord an Marwa. Vielleicht hatten wir nicht genug Angst gehabt – ich werde diesen Satz nicht vergessen. Der Satz beschreibt die ganze Ambivalenz des Schreckens.

„Marwa war nicht vollends in Deutschland sozialisiert, denn sonst hätte sie es erst gar nicht versucht, den beschwerlichen Weg des Gerichtes zu gehen“, sagte eine Frau vor einigen Tagen im muslimischen Frauenzentrum Köln zu mir. Kaum zu glauben, das von einer emanzipierten deutschen Muslima zu hören; sie hat gelernt sich zu ducken, denn sie weiß, am Ende wird es heißen: „Warum müsst ihr auch diesen Schleier tragen, selbst schuld.“

Marwa ist gestorben für unser deutsches Recht und für unsere Freiheit in unserem Land. Sie duldete die Angriffe des NPD-Sympathisanten und Täters nicht und rief unseren Rechtsstaat, unsere Gerichte an: ein vorbildlicher Akt der Zivilcourage. Sie ist auf diesem Weg – noch dazu im Gericht – ermordet worden. Was für eine grauenhafte Symbolik.

Wer allein die Straftaten Rechtsradikaler in den letzten Jahren gegen Muslime zählt, zusätzlich die Moscheeanschläge berücksichtigt, wird erkennen: Wir müssen alle etwas gegen diese Islamfeindlichkeit in unserem Land tun.

Muslimische Frauenrechtlerinnen erzählen mir von dem täglichen Rassismus, dem sie in deutschen U-Bahnen, Straßen und öffentlichen Einrichtungen ausgesetzt sind; sie berichten von verächtlichen Blicken, den ständigen Pöbeleien bis hin zu Tätlichkeiten, wie zuletzt vor einigen Tagen in Bonn geschehen: Eine schwangere, deutsche Muslima wurde in einer U-Bahn von einem Mann aufgefordert, den Platz zu verlassen, da dies „nur Plätze für Arier“ seien. Als die Muslima ironisch erwiderte, dass sie doch auch Arierin sei, wurde er handgreiflich. Nur das beherzte Eingreifen eines Marokkaners konnte danach Schlimmeres verhindern.

Renommierte Wissenschaftler beschreiben schon lange islamophobe Geschwüre in unserer Gesellschaft. Eine muslimische Frau berichtete mir von ihrer Erfahrung aus den USA. Nach einem Dreiwochenaufenthalt erfuhr sie zum ersten Mal, was es heißt, wenn Menschen auf der Straße sie anlächelten. Sie war glücklich, diese Erfahrung einmal gemacht zu haben. Denn hierzulande gilt inzwischen für die muslimischen Frauen: ja nicht auffallen, mit Tunnelblick durch die Straßen gehen, ja nicht anecken und wenn möglich alles mit dem Auto erledigen.

„Islamistin, Terroristin und Schlampe“ – der Täter Alex W. hat das ausgesprochen, was nicht wenige in unserem Land denken aber (noch) nicht wagen laut zu sagen, wenn sie Muslime auf der Straße sehen. Wer verstehen will, warum es zu dieser schrecklichen Tat gekommen ist, darf den Blick vor solchen bitteren Wahrheiten nicht verschließen.

Ich habe in den letzten Wochen Abgründe und Lichtblicke meiner Gesellschaft gesehen. Ich habe gesehen, wie Menschen des öffentlichen Lebens ohne Rücksicht auf Ansehen und politische Gesinnung Menschlichkeit, Mitgefühl und damit Größe gezeigt haben. Ich habe auch mitansehen müssen, wie mancher Politiker erst durch äußeren Druck öffentliche Anteilnahme gezeigt hat, habe gesehen, wie Dresdnerinnen und Dresdner in einer Trauerfeier vereint für mehr Menschlichkeit auf die Straße gingen – das waren gute, hoffnungsvolle Zeichen.

Auf dem Weg zum Krankenhaus, als wir Elwi Ali Okaz besuchten, sagte mir Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, mit sorgenvoller Miene, wie gleichgültig doch einige in unserer Gesellschaft seien angesichts des Grauens, das sich im Gericht in Dresden abgespielt hat. Eine bittere Wahrheit, die doch insbesondere deutsche Juden geradezu seismografisch zu erfassen imstande sind. Letzteres alleine reicht doch schon als Mahnung, oder nicht?

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

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