Meinung : Gastkommentar: Offensive als Talkshow

Der Autor ist Leitartikler der "Los Angeles Times"

Deutschland fürchtet, dass die USA Irak angreifen - irgendwann später im Jahr. Zunächst fallen die Deutschen in Washington ein: um die Amerikaner zu beschwören, der Solidarität zu versichern, kritische Fragen zu stellen, sich anzubiedern oder sich mit eigenen Erkenntnissen zu brüsten. Die Gastgeber reagieren mit Fassungslosigkeit oder mit harten Worten. Den Großteil der vergangenen Woche habe ich mit deutschen Politikern jeglicher politischer Couleur verbracht. Hat mich das gescheiter gemacht?

Vielleicht bin ich ein unverbesserlicher, ein hoffnungsloser Fall, bei dem selbst die Weisheit und Zauberei deutscher Politiker versagt. Doch atmosphärisch habe ich einiges mitbekommen. Obwohl die Damen und Herren andauernd die Wichtigkeit der jüngeren Generation betonen, kommt man als Jüngerer kaum zu Wort. Den Auftakt machte der FDP-Fraktionsvorsitzende Gerhardt. Vom Flughafen ging es direkt in die Deutsche Botschaft, wo er bei einem feinem Essen erwartbare Bekenntnisse von sich gab: für die UN, für Multilateralismus, gegen amerikanische Alleingänge. Unklar blieb, wie Gerhardt der Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen begegnen will. Er fordert konkrete "Beweise" für Saddam Husseins Missetaten. Was akzeptiert er als "Beweis", wenn ihm die vorhandenen nicht genügen? Die Deutschen fühlen sich eingeklemmt zwischen zwei Mühlsteinen. Sie wollen als pro-amerikanisch gelten, aber auch gute Europäer sein. Gerhardt vermittelte das Gefühl: Bleiben die völkerrechtrechtlichen Formen halbwegs gewahrt, sind die Deutschen dabei.

Weiter traten Hans-Ulrich Klose, Helmut Haussmann, Andreas Schockenhoff und Uta Zapf auf. Man musste fürchten, der Kalte Krieg sei wieder ausgebrochen. Heftig wurde über Ronald Reagan, die Nachrüstung und die Ostpolitik gestritten. Darf man den Gegner mit Machtpolitik in die Enge treiben oder muss man mit ihm reden, sich gar versöhnen? Da sind sie wieder die altbekannten Reibungen und Enttäuschungen zwischen Europa und Amerika. Manche fürchten gar ein Auseinanderbrechen der Nato.

Die Wortführer beider Seiten flüchten sich in eine Klage: Es gebe keine aufrichtige Debatte über die Konsequenzen einer Fortsetzung des Kriegs gegen Terrorismus. Das ist Unsinn. In Deutschland wie in Amerika wird genau darüber diskutiert. Nur eben mit unterschiedlichen Akzenten. In Deutschland überwiegt die Skepsis. Was die amerikanischen Befürworter eines Kriegs gegen Irak provoziert, ihre Argumentation zu verschärfen. Michael Naumanns Aufsatz in der "New York Times" über die seit 1914 bestehende Angst vor den unerwarteten Konsequenzen eines Kriegs war einer der scharfsinnigsten Beiträge, wenngleich man die Ansicht nicht unbedingt teilen muss.

Angebliche Missverständnisse sind nicht das Hauptproblem zwischen Europa und den USA. Sie verstehen sich nur zu gut. Europa hat Angst vor einem neuen Krieg. Bush liebäugelt damit. Noch gibt es keinen Aufmarschplan, vielleicht wird es nie einen geben. Ein entspannterer Umgang wäre wünschenswert. Vielleicht sollte das Auswärtige Amt etwas mehr Fantasie aufbieten - und Gabi Bauer nach Amerika schicken. Was die Diplomaten nicht schaffen, könnte in einer Talkshow gelingen. Denn das ist und bleibt eine Gemeinsamkeit von Europäern und Amerikanern: die Liebe zu Talkshows.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben