Gastkommentar : Ohne Atomstrom hat die Industrie keine Chance

Wir reden über Szenarien, die unrealistisch sind, meint Alexander Gauland. Das Ziel der Energiewende ist richtig, aber die Konzentration auf Windkraft könnte die deutsche Industrie vernichten. Ein Gastkommentar.

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Zu teuer, zu hässlich und überhaupt: Eine vollständige Energiewende würde die deutsche Industrie vernichten.
Zu teuer, zu hässlich und überhaupt: Eine vollständige Energiewende würde die deutsche Industrie vernichten.Foto: dpa

Es war nur eine kleine Meldung. Nach der Abschaltung der sieben ältesten deutschen Atommeiler beziehen wir Strom aus Frankreich und Tschechien, also aus Kernkraftwerken, deren Sicherheitsstandard nicht dem unsrigen entspricht und die zudem in unmittelbarer Nachbarschaft Deutschlands produzieren. Als Tschernobyl in die Luft flog und die Franzosen anders als die Deutschen kaum Reaktionen zeigten, machte ein Witz die Runde: Frankreich schließt seine Grenzen und lässt die Trikolore aufziehen – die Wolke macht dann einen Bogen um das Sechseck.

Diesmal ist es Deutschland, das eine schwarz-rot-goldene Lösung anstrebt. Dabei sind die kurzen Zeiträume und geringen Kosten, in und zu denen Ausstieg und Umstieg angeblich bewältigt werden können, das reine Wolkenkuckucksheim. Doch seit ausgerechnet die CSU glaubt, die Grünen überholen zu müssen, ist Hysterie an die Stelle der wirtschaftlichen Vernunft getreten. Es wird versprochen, was das Zeug hält – um die Realität mögen sich später andere kümmern. Schon jetzt werden zeitweise bis zu 70 Prozent des im Norden erzeugten Stroms aus Windkraftanlagen abgeregelt, weil weder Pumpspeicherwerke noch Leitungen zur Verfügung stehen, um den Strom in das industrielle Herzland der Bundesrepublik, Bayern und Baden-Württemberg, zu transportieren. Es fehlen circa 3500 Kilometer Leitungen und dazu kommen noch die Speicher. Genehmigungsverfahren für beide dauern im besten Falle zwölf Jahre, wenn es hoch kommt bis zu 20 Jahren. Und fast alle in der Planung befindlichen Trassen und Speicher – ob in Hessen, Niedersachsen, Brandenburg oder Thüringen – sind mit rechtswirksamen Einsprüchen blockiert.

Am Ende wird es nicht anders als beim Stuttgarter Tiefbahnhof: Als das Genehmigungsverfahren lief, hat sich keiner dafür interessiert. Als die Bagger anrollten, interessierte es die Gegner herzlich wenig, dass irgendwann in grauer Vorzeit Einspruchsmöglichkeiten versäumt worden waren. Erst die sinnliche Wahrnehmbarkeit im Schlosspark gefällter Bäume oder lärmende Windräder und hässliche Trassen entzünden die Flamme des Widerstandes.

Bleibt die Preisfrage. Noch ist Windstrom – so der Energie-Manager Fritz Vahrenholt – doppelt so teuer wie der Strombörsenpreis und Fotovoltaik gar 500 Prozent teurer. Margaret Thatcher hatte in Großbritannien einst vorgemacht, wie man ein Land deindustrialisiert. So wie ihr gnadenloser Kampf gegen die Gewerkschaften die britische Motoren-, Fahrzeug- und Maschinenbauindustrie vernichtet hat, kann man auch mit zu teurem Strom Aluminium-, Kupfer-, Stahl- und Chlorerzeugung über die Grenzen treiben, von den sozialen Folgekosten gestiegener Strompreise für Hartz-IV-Empfänger und Geringverdienende gar nicht erst zu reden.

Das Ziel der Energiewende ist gut und richtig, der Wettbewerb aller Parteien um den schnellsten Atomausstieg ohne belastbare Alternativen könnte uns teuer zu stehen kommen. In Nordengland und in Teilen von Schottland lässt sich besichtigen, wohin eine forcierte Deindustrialisierung führt. Atomstrom brauchen wir dann wohl nicht mehr, doch regenerative Energien mangels industrieller Arbeitsplätze erst recht nicht.

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