Gastkommentar : Pro Integration reden, gegen Religion agitieren

Die Berliner Sozialdemokraten in ihrer anti-religiösen Verbiesterung verwenden den Begriff Kulturkampf. Im Verdrehen von Parolen beweist die Berliner SPD großes Geschick.

Robert Leicht

Interessant, dass nun der Begriff „Kulturkampf“ gegen die Freiheit eingesetzt wird, nämlich gegen die Freiheit, zu wählen zwischen dem (in jedem Fall freiwilligen) konfessionellen Religionsunterricht oder dem andernfalls verpflichtenden Ethikunterricht. Interessant, denn der erste „Kulturkampf“ unter Bismarck ging ja im Grunde gegen die Religionsfreiheit der Katholiken in Preußen. Und heute reden ausgerechnet jene von „Kulturkampf“, die ihrerseits mit ihrer staatlichen Macht den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen unterdrücken wollen. So treten also die herrschenden Berliner Sozialdemokraten in ihrer anti-religiösen Verbiesterung sogar in die Fußstapfen ihres historischen Erzgegners Bismarck.

Aber im Verdrehen von Parolen beweist die Berliner SPD gerade ohnehin großes Geschick. Auf ihren Plakaten behauptet sie, (nur) in ihrem staatlich verordneten Ethik-Unterricht finde beides statt – Ethik und Religion. Ja, wollen die Leute ernstlich behaupten, im Religionsunterricht werde keine Ethik gelehrt? Wer dieses unterstellt, hat offenbar von den ethischen Lehren eines Jesus von Nazareth noch nie etwas gehört – von seiner Aufforderung zur Friedensliebe, zur Nächstenliebe, ja zur Feindesliebe. Selig sind die Friedfertigen, sind die Barmherzigen, sind die Sanftmütigen und die da hungern nach Gerechtigkeit – eine kleine Auswahl von Zitaten aus der Bergpredigt Jesu.

Ich möchte einmal den Religionsunterricht sehen, der diese ethischen Forderungen nicht einschärft – und ich möchte einmal den Ethikunterricht sehen, der mit dieser Bergpredigt konkurrieren wollte. (Und deshalb ist es eben ein für eine bekennende Katholikin eigentlich unglaublicher Unfug, wenn Gesine Schwan behauptet, die Freiheit der Wahl zwischen Religionsunterricht und Ethik sei die Freiheit, „Ethik abzuwählen“. Wo hatten denn Sie Religionsunterricht gehabt und erstmals etwas von Ethik gehört?)

Nun behaupten die Gegner des freiwillig zu wählenden Religionsunterrichts, der staatliche Ethikunterricht sei um der Integration willen erforderlich. Wer hätte etwas gegen Integration? (Die Bergpredigt wäre übrigens ohnehin das beste Konzept für die Integration, davon einmal ganz abgesehen.) Aber wem es wirklich ernst ist mit der Integrationsarbeit, der müsste sich politisch längst an viel breiterer Front aufgestellt haben – und das nicht nur an der Schule, im Deutsch- und Gemeinschaftskundeunterricht. Und der müsste einmal dem Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky über die Schulter schauen, aber der wackere Genosse ist ja bei den Berliner Sozialdemokraten nicht eben beliebt.

Nun soll also der „Kulturkampf“ gegen den Religionsunterricht als unredliche und untaugliche Kompensation für das Versagen der Integrationspolitik herhalten. Die Leute reden von Integration, weil das hilft, ihre antiquierte Religionsfeindlichkeit mit einem edlen Mäntelchen zu umhängen.

Und das macht nun ausgerechnet nochmals Gesine Schwan verworren klar: Der freiwillige Religionsunterricht als Wahlpflichtfach verstoße gegen den laizistischen Staat. Wer Bundespräsidentin werden möchte, sollte erstens wissen, dass wir nicht in einem laizistischen, also religionsfeindlichen, sondern in einem weltanschaulich unparteilichen Staat leben; sollte zweitens wissen, dass in allen Bundesländern (außer Bremen, Berlin, und – sehr gemäßigt – inzwischen Brandenburg) laut Grundgesetz der Religionsunterricht an staatlichen Schulen ordentliches, freiwilliges Lehrfach ist. Nein, nicht der freiwillige Religionsunterricht ist verfassungsfremd und integrationsfeindlich (und schon gar nicht ist er ethisch blind und leer), sondern die amtliche Berliner Politik ist eben religionsfeindlich. Basta!

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