Gastkommentar : Sarrazin und die Abgehobenheit der Eliten

Wir sollten die Realität nicht aus politischer Korrektheit ausblenden. Mindestens die Hälfte der Deutschen ist nach einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Emnid der gleichen Meinung wie Sarrazin.

Alexander Gauland

Man muss nicht jede Formulierung, die Thilo Sarrazin in seinem Interview mit „Lettre International“ entschlüpft ist, für richtig halten, um die offiziellen Reaktionen darauf zu beklagen. Da werden sämtliche Folterinstrumente gegen die politische Inkorrektheit gezeigt und angewendet.

Der Arbeitgeber würfe ihn am liebsten hinaus und entzieht ihm wichtige Zuständigkeiten. Der Zentralrat der Juden in Deutschland rückt ihn ganz dicht an Göring, Goebbels und Hitler, was bekanntlich einem bürgerlichen Todesurteil gleichkommt, SPD-Genossen möchten ihn aus der Partei ausschließen und die Vertreter der türkischen Gemeinde fordern, dass die Justiz einschreitet.

Mehr geht kaum, um Sarrazin dafür zu bestrafen, dass er – wenn auch in saloppen Formulierungen – Zustände beschrieben hat, die viele und nicht nur in Berlin täglich am eigenen Leibe erfahren, die Integrationsunfähigkeit oder -unwilligkeit einer ganz bestimmten Einwanderergruppe aus dem Nahen und Mittleren Osten. Da hilft es Sarrazin wenig, dass er osteuropäische Juden und Asiaten als Gegenbeispiele nennt, was jedem Rassismusvorwurf den Boden entzieht. Und doch ist es diesmal anders. Nicht nur Henryk M. Broder, Ralph Giordano und Michael Wolffsohn haben sich dem medialen Entrüstungssturm entgegengestellt, auch die Leserbriefspalten der Zeitungen sind voller zustimmender Briefe und bilden eine stabile „Gegenöffentlichkeit“.

51 Prozent – nach anderen Umfragen sind es sogar zwei Drittel – der Deutschen sind nach einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Emnid der gleichen Meinung wie Sarrazin, eine erstaunliche Zahl wenn man bedenkt, dass sie damit „perfide, infam und volksverhetzend“ denken und „Göring, Goebbels und Hitler große Ehre“ machen würden, so der darüber nicht mehr recht glückliche Generalsekretär des Zentralrates.

Immer einmal wieder, wenn die Wahlbeteiligung einen neuen Tiefstand erreicht, zerbrechen sich die professionellen Beobachter über die Gründe und die Möglichkeiten zur Abhilfe ihre klugen Köpfe. Hier, im Falle Sarrazin, liegt die Ursache einmal offen zutage: Es ist die Abgehobenheit einer politischen und medialen Elite, die eine Realität nicht akzeptieren, ja nicht einmal diskutieren möchte, weil sie das offizielle Bild einer multikulturellen Gesellschaft stört, weil nicht wahr sein kann, was gemäß der herrschenden politischen Korrektheit nicht wahr sein darf, dass sich nicht alle kulturellen Haltungen gleichermaßen zur Integration in eine westliche europäische Gesellschaft eignen.

Was in Deutschland unter Rassismusverdacht gestellt wird, findet sich in Amerika in einem viel diskutierten Buch und trägt den von Edmund Burke abgeleiteten Titel „Reflections on the Revolution in Europe: Immigration and the West“. Ob dieses Werk nach seiner Übersetzung dem gleichen Verdikt verfallen wird wie Thilo Sarrazins Interview, bleibt abzuwarten. Auf Dauer aber hat noch keine Gesellschaft überlebt, die die Realität aus- und die sie Benennenden am liebsten einsperren möchte.

Die DDR war nicht das erste, wohl aber das letzte Beispiel für den daraus folgenden selbstverschuldeten Untergang.

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