Gastkommentar : Sarrazins Feuerchen

Gut, dass er nicht im Verborgenen wirkt und sich immer wieder verrät: Barbara John über Thilo Sarrazin, das Rumpelstilzchen der deutschen Politik.

Barbara John

Ach, wie gut, dass jeder weiß, dass ich Thilo Sarrazin heiß. So könnte sein liebster Spruch lauten. Gut so. Denn wenn Sarrazin eher im Verborgenen wirken würde, wie das durchtriebene Rumpelstilzchen im Märchen, dann würden wir nie erfahren, wie brutal ein Mann denkt und redet, der über Jahrzehnte einflussreiche und bestens bezahlte öffentliche Ämter innehatte und noch immer hat. Überhaupt ist Rumpelstilzchen geradezu ein Kuscheltier im Vergleich zu dem öffentlichkeitssüchtigen Berliner Finanzsenator außer Dienst.

Es hüpfte vergnügt und schadenfroh um ein Feuerchen und vertraute der Waldesstille seine Gemeinheiten an, unter totalem Ausschluss von Mithörern, wie es annahm. Rumpelstilzchen Sarrazin dagegen verkündet seine Boshaftigkeiten, die er für Erleuchtungen hält, am liebstem vor dem größtmöglichen Publikum, wie er es gerade wieder in dem Monatsmagazin „Lettre international“ mit dem Themenschwerpunkt „Berlin nach dem Mauerfall“ getan hat. Er will gehört und beachtet werden. Jeder soll erfahren, wie er sich die Bevölkerung in Berlin und in Deutschland wünscht: „Wir brauchen Klasse statt Masse.“ War das nicht auch der Spruch, den vor einiger Zeit die Verbraucherministerin benutzte? Damals ging es aber um die Qualität von Rind- und Schweinefleisch. In Qualitätsmerkmalen denkt auch Sarrazin, allerdings bezieht er sie auf Menschen. Diejenigen, die von Hartz IV und von Transfereinkommen leben, die zur türkischen oder arabischen Gruppe oder zur Unterschicht gehören, die in diese Schicht hineingeboren werden, sieht er sinngemäß allesamt als Belastung an.

In vielen Formulierungen und in den dahinterliegenden Gedanken offenbart er sich nicht nur als bornierter Ignorant, was zum Beispiel Integrationsverläufe angeht, sondern vor allem als ein unmenschlicher Verurteiler, und das erschreckt und verstört tief. Ich will nicht glauben, dass die Sarrazin’sche Art des Schwadronierens und kaltschnäuzigen Niedermachens von sozial schwachen Gruppen zum üblichen Small Talk der Finanz- und Wirtschaftseliten gehört, bei denen Sarrazin ein gern gehörter Gast ist und zu denen er sich zählt. In diesen Kreisen muss sich nun auch Widerstand und Distanzierung artikulieren.

Übrigens: Rumpelstilzchen riss sich vor Ärger über die Entdeckung seines Namens selbst mitten entzwei. Da Sarrazin seine Ansichten aber verbreitet wissen wollte, gehört seine nun geäußerte Reue in die Kategorie Krokodilstränen.

Die Autorin war von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats und ist CDU-Mitglied.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben