Gastkommentar : Schlauer als die Milliardäre

Die derzeit noch halbwegs gute Stimmung hat auch etwas mit "finanzieller Unbildung" zu tun. Aber genau andersherum, als Ökonomen sich das vorgestellt haben: Warum die "Finanzdeppen" in der Krise die Klugen sind.

Gert G. Wagner

Die Zeitschrift „Forbes“ hat nachgerechnet, dass von den weltweit 1125 Milliardären, die 2008 gezählt wurden, nur noch 793 übrig sind. Die globale Finanzkrise hat dafür gesorgt, dass 30 Prozent der Superreichen ihren Status verloren haben.

Angesichts der weltweiten Finanz- und Konjunkturkrise blieben die Deutschen bislang erstaunlich ruhig. Als handfester Stimmungsindikator zeigt der Konsum, der keineswegs sofort eingebrochen ist, dass die Stimmung in der Tat nicht so schlecht ist, wie die Konjunkturindikatoren sie objektiv zeigen. Ob der unglaubliche Einbruch des Exports die Stimmung entscheidend eintrübt, bleibt abzuwarten.

Liegt die erstaunliche Gelassenheit an der immer wieder als unzureichend bemängelten ökonomischen Bildung der Deutschen? Oder ist die nach wie vor brauchbare Stimmung etwa vernünftig? Vieles spricht für Letzteres. So ist Massenarbeitslosigkeit aufgrund des Konjunkturabschwungs bislang nicht eingetreten. Natürlich auch deswegen, weil das Ausmaß an Kurzarbeit sprunghaft anstiegen ist. Aber Kurzarbeit ist für die Betroffenen bei Weitem nicht so bedrohlich wie der Verlust des Arbeitsplatzes. Entscheidend aber dürfte sein, dass die meisten Deutschen von den Verlusten auf den Finanzmärkten nicht direkt betroffen sind, da sie neben ihren Spareinlagen und eventuell vorhandenem Wohneigentum kein auf Finanzmärkten angelegtes Vermögen haben.

Die US-Immobilienkrise hat zwar viele Banken in Deutschland hart getroffen. Aber Hausbesitzer in Deutschland werden nicht reihenweise in die Zwangsversteigerung getrieben, da im finanziell konservativen Deutschland der Erwerb von Hauseigentum ganz überwiegend solide finanziert wird. Zwar musste sich die Politik immer wieder anhören, dass der Erwerb der eigenen vier Wände erleichtert werden sollte, weil die Hauseigentümerquote in Deutschland peinlich niedrig sei, aber jetzt erweist sich diese Politik als ausgesprochen gut. Zwangsversteigerungen werden nicht durch Überschuldung verursacht, in die Banken ihre Kunden getrieben haben, sondern nach wie vor sind es individuelle Schicksale, vor allem auch Scheidungen, die in Zwangsversteigerungen enden. Auch die meisten Rentner können bislang beruhigt sein: Sie beziehen umlagefinanzierte Renten, die von der Finanzmarktkrise nicht unmittelbar betroffen sind. Und da sich die Riester-Verträge – trotz neuer Rekordzahlen – nach wie vor nur schleppend verkaufen, müssen die meisten Menschen mittleren Alters auch nicht befürchten, dass ihr künftiges Alterseinkommen von Verlusten geschmälert wird.

Insofern stimmt es, dass die derzeit noch halbwegs gute Stimmung etwas mit „finanzieller Unbildung“ zu tun hat. Aber genau andersherum, als Ökonomen sich das vorgestellt haben: Weil die Deutschen in Finanzdingen sehr konservativ sind, haben jetzt viele zu Recht keine Angst vor der Finanzkrise. Zwar stimmen die Prognosen der Finanzberater, dass die gesetzliche Rente langfristig kein besonders gutes Geschäft ist, aber dafür sichert sie auch die privat nicht vernünftig versicherbare „Erwerbsunfähigkeit“ ab, und die gesetzliche Rente kennt auch keine kurzfristig katastrophalen Entwicklungen. Und wir leben nun einmal in der kurzen Frist. Wer jetzt in Rente geht und auf eine kapitalgedeckte Rente angewiesen wäre, wie das bei vielen Amerikanern der Fall ist, dem ist nicht geholfen, wenn in 20 Jahren sein Vermögen wieder enorm angewachsen sein möge.

Ein bisschen Finanzkapitaldeckung der Altersvorsorge ist vernünftig. Aber zur Risikomischung gehört nicht nur ein gut gemixtes Anlage-Portfolio, sondern vor allem auch ein großer Anteil umlagefinanzierter Renten. Die Menschen haben dies umgesetzt – gegen die Ratschläge gut bezahlter Berater und notorischer Modernisierer in der Politik. Zum Milliardär wird man dadurch nicht – aber auch nicht bettelarm!

Der Autor ist als Volkswirtschaftsprofessor am DIW Berlin tätig und Vorsitzender der Kammer für soziale Ordnung der EKD.

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