Gastkommentar : Sie glauben gar nicht an ihren Messias

Wäre der einstige Herr über die Stasi-Unterlagen wirklich ein Kandidat für Rot-Grün, die Spitzenleute jener Zeit hätten ihn schon 1999 auf den Schild heben und zum Bundespräsidenten wählen lassen können. Warum die Liebe der SPD zu Joachim Gauck verlogen ist

Sibylle Krause-Burger
Sibylle Krause-Burger
Sibylle Krause-BurgerFoto: dpa

Hört, wie sie jauchzen, wie sie frohlocken, die rot-grünen Vorarbeiter, wie sie die Entdeckung ihres Heilands glücklich preisen. Seht, wie der Jürgen Trittin, der Frank-Walter Steinmeier und der Sigmar Gabriel triumphierend die Zähne in Richtung des schwarz-gelben Flatterbündnisses blecken. Denn ihnen ist ein guter Schachzug gelungen. Haben sie doch den wortmächtigen Prediger der Einheit und der Freiheit aus dem politischen Jenseits in die Wirklichkeit unserer Republik zurückgeholt. Mit ihm, dem ehemaligen Stasi-Beauftragten, kandidiert nun ein Parteiloser gegen den Auserwählten der schieren Taktik. Wie geschaffen scheint der ehemalige Pastor für den hehren Job, zudem von Leuten auf den Schild gehoben, die selbstredend ausschließlich ans allgemeine Wohl denken, während Angela Merkel mit ihrem Jung-Siegfried aus Niedersachsen nur dem scheußlichsten Machtwahn frönt. So eindeutig stellt sich das Duell Joachim Gauck gegen Christian Wulff dar, der beiden Rivalen, auf die alleine es ankommt. So ist es aber gar nicht.

Die schlauen Herren Trittin, Steinmeier und Gabriel haben den Mann aus dem Osten ursprünglich nicht gekürt, weil sie an eine Chance für ihn glaubten. Nein, seine Stunde kam, weil er für absolut chancenlos gehalten wurde. Es ging den rot-grünen Erfindern des Kandidaten Gauck nicht um den geeignetsten Bewerber – der er zweifellos ist – , es ging ihnen um den größten Knalleffekt, um einen Aufmerksamkeitserfolg im Kampf mit dem politischen Gegner, es ging ihnen darum, die Kanzlerin zu brüskieren.

Wäre der einstige Herr über die Stasi-Unterlagen wirklich ein in der Wolle gefärbter Kandidat für Rot-Grün, die Spitzenleute jener Zeit hätten ihn schon 1999 auf den Schild heben und zum Bundespräsidenten wählen lassen können. Das wäre dem Manne gemäß gewesen. Es hätte auch der Republik gut zu Gesicht gestanden in einer Zeit, da die Einheit keine zehn Jahre alt war und so manches im Mentalen zwischen Ost und West im Argen lag. Ein Ostdeutscher – und ein so wortmächtiger zumal – im höchsten Amt, das bekanntlich vor allem vom Wort und kaum von der Tat lebt: da hätte die alte Dame Sozialdemokratie mit ihrem grünen Partner wahrlich den Sinn für das Ganze unter Beweis stellen können.

Was aber tat die SPD? Sie tat just das, was die Kanzlerin mit Christian Wulff getan hat. Sie hob einen altgedienten Ministerpräsidenten und Parteivize auf den Schild. Der schon kränkelnde und deutlich verbrauchte Johannes Rau sollte es werden, der sich, wie alle Welt wusste, nach dem hohen Amt aus einem eher privaten Grund verzehrte: Er wollte es Gustav Heinemann, einem Vorfahren seiner Frau, gleichtun.

Joachim Gauck aber, nachdem die auf zehn Jahre beschränkte Amtszeit an der Spitze seiner Behörde abgelaufen war, wartete vergeblich darauf, dass ihm die damals regierenden Parteien das Angebot eines angemessenen Postens machen würden. Ja, wenn er Mitglied geworden wäre, dann hätte sich vielleicht etwas gefunden. Aber so überließ man ihn sich selbst und seinen Talenten. Es kümmerte niemanden, dass dieser Eigenständige unablässig durch die Lande reiste und für die Freiheit stritt, die er so lange hatte entbehren müssen – ein Demosthenes der deutschen Demokratie: brillant, elegant, menschlich gewinnend, anschaulich argumentierend, in der Sache überzeugend.

Jetzt aber, nachdem er 70 geworden ist und ein größeres Parteienbündnis hinter sich weiß, kann er gelassen sein und es sich leisten, höchst amüsiert mitzuspielen. Und siehe, unverhofft wird aus dem Spiel Ernst, wird das vergiftete Angebot in der Öffentlichkeit wie im Privaten für bare Münze gehalten, werden die Anbieter begeistert beim Wort genommen. In diesem Klima könnte der politisch Wiedererweckte tatsächlich die Wahl gewinnen. Allerdings nicht als Vormann der Rot-Grünen, die ihn so scheinheilig ins Rennen geschickt haben, sondern als ein geradezu antipolitischer Erlöser vom Übel allen Parteiengezänks. Hier der Kandidat, dort die schnöde Politik. Joachim Gauck ist das Volk. Zumindest bis zum Tag der Entscheidung. Möglicherweise sogar darüber hinaus.

Die Autorin ist Schriftstellerin und Journalistin.

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