Meinung : Gastkommentar: Sommerloch - gefüllt mit Sprengstoff

Jacob Heilbrunn

Der Sommer sei eine mühsame Zeit. Sagen viele Journalisten. Die Politik ist im Urlaub, und doch wollen jeden Tag die Nachrichtensendungen und Zeitungsspalten gefüllt sein. Worauf der Kalauer basiert: Wie gut, dass jeden Tag genauso viel auf der Welt passiert, dass es in 15 Minuten "Tagesschau" passt - nicht mehr und nicht weniger.

Der Sommer sei eine gefährliche Zeit, schreibt dagegen Josef Joffe im außenpolitischen Barometer. Insbesondere der August, da seien (wenn man die Nacht zum 1. September mitzählt) zwei Weltkriege ausgebrochen. Freilich gibt es auch die Anekdote über den pensionierten europäischen Diplomat. Er berichtete über seine Dienstjahre zwischen 1910 und 1950: "Ich habe jedes Jahr Frieden prognostiziert - und nur zwei Mal Unrecht gehabt."

Was also: Sommerloch? Oder Sommerkriegsgefahr? Die Häufung von Gewalt in diesen Tagen zeigt: Auch 40 Jahre nach dem Bau der Mauer und zwölf nach ihrem Fall ist keine Ära des ewigen Friedens ausgebrochen. Die Gewalt nimmt sogar zu. In Wahrheit gibt es kein Sommerloch, sondern eine Flut von Nachrichten. In Amerika wird bereits spekuliert, ob George W. Bush, wie geplant, einen ganzen Monat friedlich auf seiner Ranch in Texas Urlaub machen kann oder ob eine der Krisen ihn zurück nach Washington ruft. Der Monat August hat neben den Weltkriegen den Bau der Mauer gebracht und Saddam Husseins Überfall auf Kuwait. In Wladimir Putins Urlaub in Sotschi fiel am 12. August 2000 der Untergang der "Kursk". Solche Ereignisse verändern nicht nur die Ferien der Politiker, sondern das Leben vieler Menschen. Sebastian Haffner hat in seinen "Erinnerungen" beschrieben, welche Zäsur der Ausbruch des Ersten Weltkriegs für seine Kindheit bedeutet, obwohl er auf dem Land lebte. Seine Familie musste wegziehen und kam nie wieder zurück.

Ein großer Krieg droht in diesem Jahr nicht. Beunruhigend ist jedoch, wie sich die Gewalt schleichend ausbreitet. Zwischen Israelis und Palästinensern, zwischen Slawen und Albanern in Mazedonien. Anarchie und Terrorismus gab es immer; aber diese terroristische Kriegsführung ist neu, die Grauzone von Kämpfen zwischen Terroristen und Militär.

Neu ist auch die Art der Gewalt in Genua, vor allem die Randale der militanten Globalisierungsgegner, aber auch die Übergriffe der italienischen Polizei. Wie können deutsche Linke, darunter führende Persönlichkeiten wie Oskar Lafontaine, die rohen Gewalttaten vieler Demonstranten auch noch verteidigen? Gewalt habe schon immer dabei geholfen, Menschen zum Umdenken zu bewegen, schreibt zum Beispiel ein bekannter Journalist.

Joschka Fischer scheint einer der wenigen Linken zu sein, die aus der deutschen Geschichte gelernt haben: Gewalt führt in die Sackgasse. Und: Man kann die Globalisierung nicht zum Sündenbock für alles Schlechte auf der Welt machen. Ist es nicht umgekehrt - dass die Globalisierung Auswege bietet aus der Gewalt und dem Hass, ob im Nahen Osten oder in Europa? Weil sie die engen nationalen Denkweisen aufbricht. Wer hätte gedacht, dass zu Beginn des 21. Jahrhunderts viele Linke den Nationalismus verteidigen und die Gewalt rechtfertigen?

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