Gastkommentar : Sprechen ohne Mundwasser

Das Problem des Berlinerischen ist, dass es kein Akzent, sondern Teil der Verteidigungsmauer der unsicheren Berliner ist. Aber es ist der beste Dialekt für Fatalisten.

Roger Boyes[The Times]

Bei mir um die Ecke, auf dem Weg zu meiner Kneipe, hat ein Geschäftsmann, der zwei junge Söhne hat, ein Haus mit einem großen Garten zur Straße gemietet. Einen uneinsehbaren Garten auf der Rückseite gibt es wegen der S-Bahn nicht, und deshalb findet im Sommer das gesamte Familienleben in aller Öffentlichkeit statt. Wir sehen die Frau des Hauses, wie sie mit dem Au-pair streitet; wie der eine Junge den anderen haut und es dann abstreitet; und wir sehen Spielzeug, das auf dem Rasen verstreut liegt, eine Holzeisenbahn und drum herum leblose ActionMen, wie die Miniaturszene einer Zugkatastrophe.

Im Winter ist das Gartenmobiliar mit einer Plane bedeckt und das Au-pair zurück in Australien, aber das Mini-Eisenbahnunglück ist noch da und die beiden Jungs auch. Als ich vor ein paar Tagen durch die Gartentür blickte, sah mich einer der beiden und rannte auf mich zu. Dabei rief er: „Opa, Opa“. Es war bis dahin ein vollkommen zufriedenstellender Tag gewesen: Mit der Post kam ein Scheck und die Sprechstundenhilfe von der Arztpraxis hatte mich nett angelächelt. Um es klar zu sagen: Wenn man Ende 50 ist, möchte man von niemandem für einen Großvater gehalten werden. Der Junge stoppte, als er seinen Fehler erkannte. Ich holte ihn mir ran und zischte in sein Ohr: „Sag deiner Mami, dass du eine ganz dicke Brille brauchst!“ Dann, zufrieden, weil ich einen Vierjährigen zum Weinen gebracht hatte, ging ich in die Kneipe, wo fast alle älter sind als ich.

Aber dieser graue Moment begleitete mich die gesamte Woche. Am Dienstag war ich in einem Raum voller Kollegen der einzige, der wusste, dass Leonid Breschnew einst der Führer der Sowjetunion war. Ich bin vollgestopft, scheint’s, mit vergänglichem Wissen, wie eine Tiefkühltruhe, in der sich abgelaufene Pizzas und halb aufgegessene Häagen-Dazs-Packungen stapeln. Am Mittwoch ging ich zum Bäcker, wo ich mit „junger Mann“ angesprochen wurde. Am Anfang meiner Berliner Zeit hätte ich das als Kompliment verstanden. Ausländer, die gerade mal mit Hochdeutsch zurechtkommen, empfinden die Rohheit des Berlinerischen als das Haupthindernis für eine Zuneigung zur Stadt. Damit meine ich nicht so sehr die chaotische Grammatik, den fehlenden Genitiv, das passiv-aggressive „wa“. Damit kommen wir zurecht. Nein, es geht um die Proletarisierung der Sprache, um den Versuch, die Welt auf 350 Wörter zur reduzieren. Das Berlinerische liebt die 3. Person („Na, weeß er denn jetzt, wat er will?“) und spiegelt damit die Sprache der Bürokratie wider. Poetisch ist nichts daran. Wer einmal auf einem bayerischen Polterabend war, weiß, dass es möglich ist, sowohl unterhaltsam als auch sprachlich einfallsreich zu sein. Das Problem des Berlinerischen ist, dass es kein Akzent, sondern Teil der Verteidigungsmauer der unsicheren Berliner ist.

„Junger Mann“ ist demnach kein Kompliment, sondern Ironie. Was gemeint ist, ist „alter Mann“. Normalerweise stört mich das nicht. Aber „junger Mann“ zielt auf einen vorrevolutionären Egalitarismus. Übersetzt bedeutet es: Ich bin Bäckerin, du bist Journalist. Mir stinkt es, dass ich dich bedienen muss, denn ohne Schürze sind wir alle gleich, Fleisch und Blut. Und deshalb sagt sie sich, dass sie etwas Besseres sei: Du bist alt, ich bin jung.

Ich habe lange darüber nachgedacht auf meinem Weg nach Hause, der nicht einfach war, weil ich a) die Schrippen vergessen hatte, b) versuchen musste das „Opa, Opa“-Haus zu vermeiden und weil es c) stark regnete. Als ich angekommen war, rief ich jemanden in der Redaktion an, der älter ist als ich, ein Deutschlandexperte kurz vor der Rente.

„Nimm’s nicht so schwer“, sagte er. „Du bist schon zu lange in Deutschland. Die Berliner sagen ,junger Mann’ und ,Frollein’, weil sie die Namen der Menschen vergessen haben. Es ist die Amnesie-Hauptstadt Europas. Und ehrlich gesagt, wieso beschwerst du dich eigentlich über die Unhöflichkeit anderer Menschen. Du bist der unhöflichste Mensch, den ich kenne.“

Und wo er recht hat, hat er recht. Berlinerisch ist so roh und unhöflich, wie es nun einmal ist. Aber es ist der beste Dialekt für Fatalisten. Man denke nur an den alten Zille-Witz: Er sitzt am Stammtisch und ein Freund liest ihm etwas aus der Zeitung vor.

„Hier steht, det bei jeden Atemzuch, den ick mache, een Mensch stirbt.“

Zille überlegt eine Weile und sagt dann: „Warum nimmste denn keen Mundwasser?“

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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