Gastkommentar : Stadt, Land, Schluss

Berlins Bezirke: Wer nicht an Mitte grenzt, gerät ins Abseits. Doch Berlin hat keine Lust auf Provinz.

Uwe Lehmann-Brauns
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Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin wächst zusammen, wird doch noch Metropole. Hiesige, Zu- und Abreisende strömen durch die Stadt, vor allem durch die Innenstadt. Innenstadt, das heißt: Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Charlottenburg – mehr oder weniger vier von zwölf Bezirken. Wer die Stadt kennt, weiß, dass sie eine geografische Mitte besitzt, aber kein Zentrum. Berlin ist eine polyzentrische Stadt, Stadt der Bezirke, die nicht nur von ihren Volumen her den Rang von Großstädten haben. Jede dieser Städte hat ihre spezifische Ausstrahlung, ihre überbezirklichen Einrichtungen, kulturelle Attraktionen mit Museen, Theatern, Schlössern, Hochschulen. Alle zwölf Bezirke prägen das Bild von Berlin als einer vielfältig wahrzunehmenden Stadt. Das Bild will gepflegt sein.

Es beginnt zu verblassen. Immer schwerer haben es vor allem kulturelle Einrichtungen, sich außerhalb der Mitte zu halten. Nehmen wir Charlottenburg. Der Bezirk verlor schon 1993 das große Schillertheater, jetzt aber auch die Tribüne, die Nofretete, den Schatz des Priamos. Auf der Kippe stehen die beiden Theater am Kurfürstendamm. Wer künftig ins Theater will, braucht, mit Ausnahme der Schaubühne, Charlottenburg nicht mehr. Da hilft auch kein Riesenrad.

Ein anderes Beispiel: der Südwesten. Mit viel Glück ist das Schlossparktheater wieder da – aber der Bezirk verliert 2014 die großen Ethnologischen Museen in Dahlem an das Stadtschloss. Das Museum für Europäische Kultur zieht in das Kulturforum in Tiergarten. Das Alliiertenmuseum will in den Flughafen Tempelhof, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ist schon vor Jahren von Dahlem nach Mitte gezogen.

Die Berliner Innenstadt kann vor Menschenströmen kaum Luft holen, Touristen werden Marathon- und Steherqualität mitbringen müssen, wenn sie die Museumsinsel, das Alte Museum, das Deutsche Historische Museum, die Ethnologischen Museen im Stadtschloss, das Kulturforum am Potsdamer Platz wahrnehmen wollen. Das autarke Charlottenburg, als westliches Zentrum, wird dadurch nicht ins Abseits geraten. Aber Dahlem mit seiner einmaligen Park-, Villen- und Kulturlandschaft kann immer weniger wahrgenommen werden. Das ist keine Klage pro domo, sondern pro urbe. Die Stadt hat Reize um Mitte herum.

Wer dem Südwesten nicht nahe genug steht, nehme Lichtenberg. Ein auch durch seine Stasilandschaft (Magdalenenstraße und Hohenschönhausen) bekannter Bezirk. Hinzu kommen der Bereich um den S-Bahnhof Karlshorst mit Alliiertenmuseum, ehemals Russischem Theater oder die von Taut errichtete Max-Taut-Schule. Dennoch steht der Bezirk heute im Abseits, nur wenige Besucher erreichen ihn, die Frankfurter Allee versorgt allenfalls Einheimische.

Das sind drei Beispiele aus drei Bezirken, die leicht durch Vergleichbares in anderen Bezirken vermehrt werden könnten. Die Stadtentwicklungspolitik des Senats hat dieses Manko und die Chance, es zu beseitigen, bisher nicht erkannt. Ungerührt will Klaus Wowereit eine neue Kunsthalle – na, wo wohl? – in Mitte gegenüber dem Hamburger Bahnhof! Aber Mitte ist voller Museen, Galerien, Events, bedarf keiner Nachhilfe durch den Senat. Die am Abstand zu Mitte leidenden Bezirke wären indes über eine dezentrale Standortentscheidung froh gewesen. Wowereits Argument, dort ginge keiner hin, ist Ausdruck einer immobilen Stadtpolitik und pardon, leicht spießig. Eine neue Kunsthalle in Lichtenberg etwa, in eines der vielen dort vorhandenen architektonisch wertvollen Gebäude platziert, könnte anregen, anziehen, beleben. Um jede Kultureinrichtung bilden sich schnell Cafés, Läden, Restaurants.

Qualität wird aufgesucht, auch in den Bezirken um Mitte herum. Diese acht Berliner Großstädte dürfen nicht zu Vorstädten werden. Berlin hat keine Lust auf Provinz. Deshalb: Schluss mit der einfallslosen Zentralisierung. Ein Mentalitätswechsel ist gefragt.

Der Autor ist Vizepräsident des Berliner Abgeordnetenhauses und CDU-Mitglied.

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