Gastkommentar : Viele wütende junge Männer

Afghanistan und Pakistan sind der Nato vor allem demografisch überlegen. Dieser Vorteil erschwert es der Nato, die Taliban und Aufständischen erfolgreich zu bekämpfen - doch sie machen es nicht unmöglich.

Gunnar Heinsohn

Barack Obama verkündete am 27. März 2009 die Vernichtung von Al Qaida, weil sie „Pakistan wie ein wuchernder Krebs von innen zerstöre“. Damit wird eine populäre Interpretation aufgegeben, nach der George W. Bush durch seinen Krieg gegen Bin Ladens Afghanistan den Nachbarn destabilisiert habe: Die Pakistaner hätten sich gegen etwas gewehrt, das sie als Feldzug gegen alle Muslime wahrnahmen. Unter Obama soll Pakistan nun die „Extremisten innerhalb seiner Grenzen ausschalten“. Amerika werde „die Kommandoebene des Terrors gezielt erledigen“.

Die islamistischen Kämpfer haben gegen die immer tödlichen und oft präzisen Angriffe der Raketendrohnen noch keine Waffe gefunden. Insofern erfüllen die Amerikaner längst ihre Seite des neuen Paktes. Was aber „wuchert“ in beiden Ländern, mit dessen „Austilgung“ sich die Regierungen in Kabul und Islamabad so schwer tun? Es handelt sich nicht einfach um wütende junge Männer ohne Zukunft – sondern um eine ungemein große Welle derselben.

2007 benutzte ich in London vor Nato-Kommandeuren den Terminus „Af-Pak“ für den einheitlichen Konfliktraum Afghanistan/Pakistan. Dabei ging es nicht um die geografische, sondern um die demografische Dimensionen. Richard Holbrooke, der neue Sonderbeauftragte der USA für die Region, hat den Begriff übernommen, der auf den „Youth Bulge“ (um 30 Prozent aller männlichen Bewohner des Landes sind zwischen 15 und 29 Jahren) der Region hinweisen soll.

1980 hatte Af-Pak 23 Millionen Jungen unter 15 Jahren, die USA waren damals mit 26 Millionen noch deutlich stärker. 2009 verfügt Af-Pak (bei etwa 200 Millionen Einwohnern) über gut 40 Millionen Jungen unter 15 verglichen mit 30 Millionen in den USA (bei einer Gesamtbevölkerung von 300 Millionen).

25 Millionen der 40 Millionen Jungen aus Af-Pak sind zweite, dritte oder weitere Brüder. Sie haben von ihren Vätern, die fünf bis sieben Kinder hinterlassen, nicht viel zu erwarten. Man trauert um sie, wenn sie umkommen. Doch selbst wenn sie alle im Krieg fallen, gibt es immer noch genug männlichen Nachwuchs für die Höfe und Werkstätten. Amerikas Soldaten hingegen begeben sich – bei nur zwei Kindern pro Frau – als einzige Söhne in Lebensgefahr. Ihr Ende löscht eine Familie demografisch aus.

Bis 1935 triumphierte der europäische Raum gegen den Rest der Welt mit einer Asymmetrie, in der es nicht um viele gegen weniger Krieger ging, sondern um den Kriegertypus des „überzähligen Sohnes“. Anders als die kindestötenden und verhütenden Feudalsysteme Asiens oder die Stammessysteme Afrikas, Amerikas, Australiens und Sibiriens hatten die Europäer der Neuzeit in jeder neuen Generation zweite bis vierte Söhne, die bis zum Tode kämpfen konnten, ohne dass ihre Gesellschaft in der Substanz getroffen wurde. 1935 werden die Neugeborenen des Jahres 1915 20 Jahre alt, ein Jahr, in dem – abgesehen von Frankreichs – Europas Frauen letztmals so viele Kinder haben wie ihre Schwestern in Af-Pak heute. Rebellionen in den Kolonien werden mit Armeen aus dritten Söhnen Europas niedergeschlagen, deren Tod die Nation gesellschaftspolitisch sogar noch eher beruhigt als gefährdet. Nach 1945 jedoch verlieren die Europäer vor allem deshalb fast jeden Krieg, weil sich die Asymmetrie gedreht hat: Nun bekämpfen die Kolonialvölker nicht nur ihre Herren, sondern auch ihresgleichen mit der einst rein europäischen Waffe des „überzähligen Sohnes“.

1914 bis 1918 können die „weißen“ Mächte zehn Millionen junge Männer umkommen lassen und anschließend ihren Imperialismus sogar noch ein paar Jahrzehnte fortsetzen. Wer den Westen aber nun auf einen Krieg in Af-Pak bis 2014 einschwören will, soll ruhig hinzufügen, dass dort doppelt so hohe Verluste ausgehalten werden können als vor einem Jahrhundert in Europa.

Der Autor ist Zivilisationsforscher. Er unterrichtet an der Universität Bremen.

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