Gastkommentar : Von der schönsten Nebensache der Welt zum Top-Ereignis

Fußball ist unser Leben. Und dieses Leben ist mittlerweile ziemlich teuer geworden. Der Aufstieg vom Proletariersport zu einem Hauptpunkt auf der Agenda der Eliten zählt zu den rätselhaftesten Vorgängen der vergangenen Jahrzehnte.

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Wer bisweilen Gelegenheit hat, einem Chor von Fußballfans auf dem Weg ins Stadion zu lauschen, hört ein hingebungsvoll gesungenes Lied, das ihren schwankenden Gang begleitet: „Fußball, Ficken, Saufen“. In diesem Psalm fehlt ersichtlich das, was sonst den Menschen am Herzen liegt: Knete. Geld kommt in der irdischen Religion dieser Fußballfans nicht vor. Man wird sie deshalb nicht gleich als Idealisten auszeichnen, aber man kann ihnen eine gewisse Bewunderung nicht versagen. Fußball steht in der Liga ihrer Werte an erster Stelle, und das ist ein weltgeschichtliches Zeichen.

In diesen Tagen konnte man die Schlagzeile lesen: „Putin kämpft um Neuer“, zugleich meldeten die Wirtschaftsnachrichten: „Gazprom will Gerd“. Während Gerhard Schröder, der hier gemeint ist, ablösefrei für den Aufsichtsrat des russischen Energiekonzerns zu haben ist, kostet der Torwart von Schalke 04 vermutlich 25 Millionen Euro. Bekanntlich wird Schalke 04 von Gazprom gesponsert, und wenn über ein Handelsobjekt wie den „besten Torhüter der Welt“ gefeilscht wird, treten die ganz Großen auf den Plan. Was auf den ersten Blick wie ein Duell zwischen dem Fleischfabrikanten Tönnies und dem Wurstfabrikanten Hoeneß aussieht, ist in der Tat ein Krieg zwischen dem Energiekonzern Gazprom und dem Medienkonzern Telekom, der als Hauptsponsor der Bayerischen Fußballer mitbietet.

Wie der Streit um den besten Ballabwehrer der Welt ausgeht, wird demnächst die Tagesschau an erster Stelle melden. Denn Fußball wird längst nicht mehr als „schönste Nebensache der Welt“ betrachtet, sondern als teure Hauptsache der Weltpolitik.

Der Aufstieg des Fußballs vom Proletariersport zu einem Hauptpunkt auf der Agenda der Eliten zählt zu den rätselhaftesten Vorgängen der beiden vergangenen Jahrzehnte. Diese steile Karriere begleitet die Vip-Lounge, die in sicherer Entfernung zu den Fanrängen in den neuen Fußballstadien eingerichtet wurde. Und längst werden Fußballspieler für Summen verhökert, die dem Wert mittelständischer Firmen entsprechen. Fußball selbst ist ein boomender Wirtschaftszweig, Vereine steigen zu börsennotierten Unternehmen auf und liefern Hinweise darauf, dass wir im Begriff sind, die Dienstleistungsgesellschaft abzuräumen und uns als dauererregte Zuschauergesellschaft niederzulassen.

Längst sind sich namhafte Intellektuelle und Professoren nicht zu schade, über Fußball in Satzkunststückchen und auf Tonhöhen zu sprechen, als gelte es, die Schönheit von Caravaggio-Gemälden oder Horaz-Oden zu besingen. Auf gelehrten Tagungen schütteln die Teilnehmer ihr Thema bereits während der Kaffeepause als lästige Pflichtübungen ab, um sich der Frage hinzugeben, ob der Trainer von Real Madrid nun ein Genie oder ein Scharlatan ist. Die Universität Dortmund begrüßt ihre Erstsemester im Signal-IdunaStadion der Borussia, und der Tag scheint nicht mehr fern, da die Professoren definitiv ihre Talare den Motten überlassen, um im Trikot ihres Lieblingsvereins zur Wahl des Rektors zu schreiten.

Wer sich an Johan Huizingas Bestimmung des Spiels als eine Handlung erinnert, „die nicht so gemeint ist“, sieht, dass der Fußball ganze Gesellschaften mit dem Unernst alles Nicht-so-Gemeinten benebelt. Professoren, die sich in Trikots werfen, Ministerpräsidenten, die um Ballfänger feilschen, Staatschefs, die beim Torschuss ihrer Nationalmannschaft in Ekstase geraten, treten auf als Prototypen einer Second-Hand-Welt, die sich in den Abgrund eines Dauerkarnevals stürzt.

Sie alle aber leben von dem restlosen Ernst jener Fans, die sich ihrem Verein verschreiben wie ihre soldatischen Großväter einst dem Vaterland. Ihr Psalm „Fußball, Ficken, Saufen“ ist dem Taumel des Nicht-so-Gemeinten, in den Prominente, Professoren, Fleischfabrikanten und Ministerpräsidenten versinken, intellektuell immer noch weit voraus.

Der Autor lehrt Germanistik an der Ruhr-Universität in Bochum.

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