Meinung : Gastkommentar: Von Kritikern und Kannibalen

Roger Boyes

Hannibal Lector hat Recht. Kannibalismus ist die Küche der Zukunft. Wenn Kühe und Schafe von der Speisekarte verschwinden, dann müssen wir langsam an Alternativen denken. Kängurus allein sind keine Lösung. Vielleicht werden wir eines Tages köstliches Menschenfleisch mampfen, produziert auf Gen-Farmen, die von Genom-Chef Frank Schirrmacher betrieben werden. (Hoffen wir, dass seine Kellner nicht ebenso Reißaus vor ihm nehmen wie sein Feuilleton).

Kannibalismus ist natürlich eine Sünde - aber eine von der Art, die mit Nachsicht und Toleranz rechnen kann. Der Richter, der einst den Prozess gegen den legendären amerikanischen Kannibalen Alfred Packer führte, schien sich mehr über Packers politische Einstellung aufzuregen als über seine Essgewohnheiten. Als der Richter (ein Demokrat) Packer zum Tode verurteilte, erklärte er: "Es gab nur sieben Demokraten in Hinsdale County, und Sie, Alfred E. Packer, Sie gefräßiger Hurensohn, haben fünf von ihnen aufgegessen."

Wir hassen alles!

Bis Kannibalismus so richtig in Mode kommt, müssen wir uns wohl damit begnügen, dass Kritiker während der Berlinale am liebsten Regisseure bei lebendigem Leib verspeisen würden. Warum sind deutsche Filmkritiker eigentlich solche Miesepeter? Sie schreiben, als würden sie alles, wirklich alles, was mit der Filmindustrie zu tun hat, hassen: die Regisseure und die Produzenten, die Schauspieler, den Kinosaal und das Popcorn.

Haben die Kritiker vielleicht nur Angst vor dem Dunklen? Oder, wie so viele Berliner Taxifahrer, einfach nur den falschen Job? Der Film über Stalingrad - ein Desaster. Der Schneider von Panama - noch schlechter als das Buch. Deutsche Filmemacher - geborene Verlierer. Hollywood - nur Kitsch. Europas Versuche, mit Hollywood zu konkurrieren - Euro-Müll. Mein Lieblingsstück des Berlinale-Negativismus war die Rezension zu Patrick Chereaus "Intimacy" in der "Frankfurter Allgemeinen": "Pompös, peinlich, privat." Privat - wie kann er nur!

Was Filmkritiker denken

Kritikerlob gab es für einen Film jenseits des Wettbewerbs, der in den ganz normalen Berliner Kinos läuft: "Was Frauen wollen." Mel Gibson spielt darin einen Macho, dem die Gabe zufliegt, die Gedanken von Frauen zu lesen, und der die überraschende Entdeckung macht, dass Frauen es mögen, wenn man ihnen zuhört. Männliche Kritiker mochten diesen Plot, wahrscheinlich waren sie von der Neuigkeit angetan, dass Frauen denken können. Nachdem sie das Film-Lob zu Papier gebracht hatten, gingen sie wahrscheinlich nach Hause und verprügelten ihre Frauen. Ein Mann muss aufpassen, nicht zu nett zu sein.

Früher einmal (Alfred Kerr!) konnte man in Kritiken etwas entdecken, sie waren aufregend, unterhaltsam und lehrreich. Heute sind sie subtil wie Bulldozer. Kein Wunder, dass sich deutsche Schauspieler(innen) so schwer tun, ihren Platz im Weltkino zu erobern. Denn zuvor werden sie durchgekaut und ausgespuckt von den Kritiker-Kannibalen, die die Kulturseiten bevölkern.

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