Gastkommentar : Was zu tun ist, wenn Ihr Chef intelligente Ratschläge ablehnt

Deutschland braucht eine Kulturrevolution, einen Öffnungsschub. Es ist an der Zeit, dass die Bürger die Uniform ausziehen und die Soldaten Soldaten sind.

Roger Boyes[The Times]

Ich stamme aus einer Militärfamilie und kann mich gut an die erbarmungslose Verachtung meines (englischen) Vaters für die Bundeswehr erinnern: für ihre Zugeständnisse an das „Individuum“, für ihr subversives Konzept vom „Bürger in Uniform“. Er war, gemessen an den Maßstäben seiner Zeit, ein aufgeklärter Mann, aber eines wusste er ganz sicher: Armeen müssen stark sein, sonst sind sie überflüssig. Und Stärke bedeutet: Widerspruch zu ignorieren, Führung, eine klare Kommandohierarchie, kein demokratischer Konsens. Als Jugendlicher war ich im ständigen Konflikt mit meinem Vater und fand deshalb ein besonderes Vergnügen darin, die Bundeswehr ihm gegenüber zu preisen. „Wenn du blinden Gehorsam willst“, sagte ich dann zu ihm, „kauf dir einen Schäferhund.“ Er warf einen Schuh nach mir.

Nichtdeutsche Europäer wie ich, die in den 1960er Jahren aufgewachsen sind, bewunderten die Idee vom „Bürger in Uniform“, weil wir meinten, dass man so die Armee schwächen könne – und Armeen waren ja schließlich überflüssig. Seitdem habe ich natürlich meine Meinung geändert. Und Deutschland hat aufgehört, so zu tun, als wolle es ein demokratisches Militär. KT zu Guttenberg, der neue Verteidigungsminister, verspricht, dass er die sechsmonatige Wehrpflicht in ein anspruchsvolles Trainingsprogramm umwandeln wird, dabei wissen alle längst, dass die Einberufung in Deutschland keine Zukunft hat.

Und so sollte es auch ruhig sein: Es ist an der Zeit, dass die Bürger die Uniform ausziehen und die Soldaten Soldaten sind. Was Deutschland viel mehr braucht, ist eine radikale Transformation jener Institutionen, die noch immer organisiert sind, als wären sie Teil der preußischen Armee. Krankenhäuser, zum Beispiel, in denen Chefärzte wie Generale herrschen, allmächtig und ohne Widerspruch; akademische Institute, wo Professoren erwarten, dass die Arbeit für ihre Artikel von schlecht bezahlten Nachwuchswissenschaftlern geleistet wird; oder das öffentliche-rechtliche Fernsehen, bei dem die Intendanten wie Infanteriekommandanten den Kampf um die Quote anführen. Diese Institutionen sind vollgepackt mit großen Talenten, doch die altmodische Befehlsstruktur und das Unterdrücken von Kritik lässt die kreative Energie dieser Menschen verläppern. Warum schneiden die deutschen Universitäten bei internationalen Vergleichen so schlecht ab? Warum ist das deutsche Fernsehen so viel schlechter als das ausländische? Nicht weil dort ein Mangel an intelligenten, begabten Mitarbeitern herrschen würde, sondern weil diese Institutionen schlecht geführt werden.

Deutschland braucht eine Kulturrevolution, einen Öffnungsschub. Nehmen wir die Fußballvereine: Früher waren die Spieler Arbeiterkinder, die Befehle entgegennahmen und dafür reich werden konnten. Heute sind die Spieler weiter, sie sind junge Millionäre samt Beratern, und sie wollen, dass die Managern ihnen zuhören. Philipp Lahm weiß nun, wohin das sehr schnell führt. Bayern München akzeptiert keine öffentlich geäußerte Kritik; ein Soldat darf in der Kaserne vor sich hin grummeln, aber er darf seine Vorgesetzten nicht herausfordern. Warum hat er seine Kritik öffentlich gemacht? Weil niemand zugehört hat, als er sie hinter verschlossenen Türen gemacht hat. Kein Wunder, dass Robert Enke Angst hatte, mit seiner Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Er wusste, was mit Sebastian Deisler bei Bayern passiert war. O-Ton Edmund Stoiber damals: Deisler war „eines der größten Verlustgeschäfte“. Wollte Enke nicht zu einem „Verlustgeschäft“ werden?

Vermutlich haben auch andere Länder diese Probleme: die Angst von Führungskräften, ihre Autorität zu verlieren und Kritik zu akzeptieren, ohne schwach zu wirken. Aber es ist lange her, dass ich in England, Italien oder Frankreich einen Fußballtrainer gesehen habe, der sich so benimmt wie Felix Magath. „Er ist wie einer dieser verrückten Obersten im Ersten Weltkrieg oder im Krimkrieg, die ihre Soldaten so angebrüllt haben, dass sie mehr Angst vor ihnen als vor dem Feind hatten“, sagte ein Freund von mir, nachdem er sich einen von Magaths Ausbrüchen angesehen hatte.

Aber Fußball ist kein Krieg; und gutes, modernes Management basiert nicht auf Angst. Wenn Ihr Chef also intelligente Ratschläge ablehnt, wenn er Ihnen Illoyalität vorwirft, weil sie querdenken, dann sagen Sie ihm, dass er sich einen Schäferhund kaufen soll. Sie sind schließlich nicht in der Armee.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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