Meinung : Gastkommentar: Wenn Joschka zum Kissinger wird

Jacob Heilbrunn

Joschka Fischer ist ein bekannter Mann in den USA geworden - nicht als Außenminister, sondern wegen seiner Vergangenheit. Die Bilder von den Angriffen seiner Putzgruppe auf einen Polizisten in Frankfurt am Main werden immer wieder gezeigt. Sie üben eine Faszination aus, die noch nicht verschwunden ist. Aber jetzt dürfte Fischer auch als Außenminister berühmt werden. Vielleicht wird er sogar zum Henry Kissinger seines Landes?

Das ist nicht so absurd, wie es vielleicht klingen mag. Erstens ist Fischer ein Realo. Auch Kissinger war ein Realpolitiker par excellence. Kissinger war in der Republikanischen Partei verhasst; dort wurde er als einer angesehen, der mit der Détente sein Land an die Sowjetunion verkaufte. Fischer gilt aus ähnlichen Gründen in seiner Partei als verhasst - weil er angeblich deren Prinzipien opfert. So etwas tun die Realpolitiker eben. Man erinnere sich an Prinz Schwarzenberg, der die Russen 1848 in die Habsburger Monarchie holte, um Ungarn für Österreich zu retten. "Die Welt wird sehen, wie undankbar wir sind", sagte er. Wie wahr! Im Krimkrieg stand Österreich nicht auf Seiten der Russen.

Realpolitiker können auch für den Frieden sein. Sie nehmen für sich sogar in Anspruch, dass gerade ihre Methoden zum Frieden führen - weil sie auf den Realitäten beruhen, nicht auf Fantasien. Der Nahe Osten bietet jetzt Gelegenheit zur Realpolitik, und Fischer scheint sie wahrnehmen zu wollen. So, wie Kissinger seine "shuttle diplomacy" im Nahen Osten in den frühen siebziger Jahren ausübte, versucht Fischer sich in den israelisch-palästinensischen Konflikt einzumischen. Der Vorschlag einer Konferenz in Berlin sorgte für Fischer-Schlagzeilen. Seine Initiative wurde, zumindest offiziell, von der Bush-Regierung begrüßt; denn sie könnte einen neuen Weg für Gespräche öffnen.

Winston Churchill, auch er ein Realo, sagte "Jaw-Jaw is better than War-War" (Reden ist besser als Krieg führen.)

Fischers Vorschlag zeigt jedoch auch ein neues Selbstbewusstsein in der deutschen Außenpolitik, wie es früher einfach nicht existierte. So steht am Ende die Erkenntnis, dass ausgerechnet Deutschland in diesem Konflikt womöglich eine positive Rolle spielen kann, wenn auch nur als ehrlicher Makler.

Gerade deshalb sollte Fischer sich aber auch aus der Anti-Rassismus-Konferenz der Vereinten Nationen in Durban heraushalten. Zum einen aus moralischen Gründen. Wegen seiner Vergangenheit hat Deutschland eine besondere Verantwortung, an einer Konferenz, die den Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, nicht teilzunehmen. Das würde ein Zeichen setzen, dass es Grenzen gibt. Sonst verstärkt man nur die Illusionen der arabischen Staaten, die immer noch den Traum hegen, Israel von der Landkarte zu radieren. Die Konferenz symbolisiert einen Rückfall in die schlimmsten Reflexe der frühen 70er Jahre - und sind die nicht jene Epoche, von der sich Fischer emanzipieren möchte? Deutschland hat in Durban nichts zu gewinnen. Dass Fischer die deutsche Delegation heute, am ersten Konferenztag in Durban, leiten will, wird Konsternation auslösen. Ist er am Ende kein Kissinger, sondern ein Fundi?

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