Gastkommentar : Wer sich selbst versteht …

… versteht andere besser: Religionsunterricht ist die Basis für einen interkonfessionellen und interkulturellen Dialog, der nicht zuletzt in Berlin von hoher Bedeutung ist. Volker Kauder schreibt im Tagesspiegel, warum er Pro Reli unterstützt.

Volker Kauder
271456_0_591a3b05.jpg
Foto: Thilo Rückeis

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ – Die Gretchenfrage aus Goethes „Faust“ ist wieder aktuell. Wieso wird in fast allen Bundesländern Religionsunterricht als reguläres Schulfach erteilt? Ist Religion nicht Privatsache?

Ja, die Frage, ob und woran man glaubt, ist natürlich die private Entscheidung jedes Einzelnen. Die Frage, ob man ein Instrument spielt, in seiner Freizeit Sport treibt oder Bücher liest, auch. Dennoch würde man daraus wohl kaum ableiten, dass Musik-, Sport- oder Literaturunterricht keinen Platz an der Schule haben sollten. Denn die Schule ist weit mehr als eine Vorbereitung auf den Beruf. Die Schule hat vielmehr einen Bildungsauftrag, und das heißt, den Auftrag zur Bildung zu einer selbstständigen und verantwortungsvollen Persönlichkeit. Hierzu leistet der Religionsunterricht einen wichtigen Beitrag in mehrfacher Hinsicht:

Erstens vermittelt er Wissen über die kulturellen Grundlagen unseres Lebens. Ohne Kenntnis der biblischen Überlieferung, aber auch der Kirchengeschichte sind weder unsere bildende Kunst, noch Musik und Literatur verständlich. Ebenso die Alltags- und Festkultur. Wieso feiern wir Ostern? Warum haben wir eine Siebentagewoche? Das lässt sich ohne Kenntnis der jüdisch-christliche Tradition nicht verstehen.

Zweitens vermittelt der Religionsunterricht die Erfahrung des Glaubens. Er bringt die Schüler dazu, sich mit den Fragen nach dem Sinn des Daseins, nach der Bedeutung von Leben und Tod sowie den Grenzen menschlichen Handelns auseinanderzusetzen. Vor allem aber geht er der Frage nach der Existenz Gottes nach und lehrt die Grundlagen der jeweiligen Religion. Ein guter Religionsunterricht ist darüber hinaus mehr als reine Glaubenslehre. Er bietet die Chance, die Positionen der eigenen, vom Elternhaus tradierten Religion, ihre Begründung und Inhalte zu hinterfragen. In diesem Sinn bereichert der Religionsunterricht die Persönlichkeit um ein Element, das kein anderes Unterrichtsfach bietet.

Drittens ist der Religionsunterricht ein Ort der Wertevermittlung. Der Staat begründet Rechte und Pflichten und ist geprägt von den Werten der Gesellschaft, die ihn trägt. Er bildet aber keine Werte aus sich heraus, und noch weniger darf er sie verbindlich diktieren, will er nicht ins Totalitäre abgleiten. Das können zwar auch die Religionen nicht. Aber alle Religionen bieten Antworten auf die Fragen nach den ethischen Grundlagen unseres Zusammenlebens und nach den moralischen Regeln unseres Handelns. Der Religionsunterricht stellt den richtigen Rahmen, um über die Antworten zu diskutieren und eigene Antworten für sich selbst zu gewinnen.

Dabei bietet der Religionsunterricht den Vorteil, von Lehrern erteilt zu werden, die sich selbst einer Religion zugehörig fühlen und diese deshalb glaubhaft vertreten können. Die akademische Ausbildung der Theologen gewährleistet einen hohen Qualitätsstandard des Unterrichts. Zugleich ist sichergestellt, dass der Unterricht nicht den Werten des Grundgesetzes widerspricht. Religiösem Fanatismus lässt der Religionsunterricht keinen Raum.

Gerade die auf diese Weise gewonnene genaue Kenntnis der eigenen Religion und der eigenen Überzeugungen erhöht das Verständnis für andere Religionen. Man könnte sagen: Wer die Sprache einer Religion gelernt hat, wird sich in der anderer besser zurechtfinden. Wer sich intensiv auch mit theologischer Kritik und Zweifeln der eigenen Religion auseinandersetzt, wird diejenigen besser verstehen, die keinen Zugang zum Glauben finden.

Damit schafft der Religionsunterricht die Basis für einen interkonfessionellen und interkulturellen Dialog, der nicht zuletzt in Berlin von hoher Bedeutung ist. Eltern sollen selbst entscheiden, ob ihr Kind den Ethik- oder den Religionsunterricht besuchen will. Dieses Recht auf freie Wahl fordert die Bürgerinitiative Pro Reli. Sie hat dafür meine nachdrückliche Unterstützung.

Der Autor ist Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben