Gastkommentar : Wir sind Geiseln eines Systems

Wie im Falle der Banken soll Hilfe wieder einmal Selbsthilfe sein, da ein abstürzendes Griechenland andere mit in den Strudel reißen und am Ende den Euro oder gar die europäische Gemeinschaft zerstören könnte. Leider kennt Europa kein Konkursgericht.

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Immer dann, wenn die Sache nach dem Urteil aller billig und gerecht Denkenden ziemlich klar liegt, rufen die Politiker populistisch dazwischen. So auch jetzt wieder im Falle Griechenlands. Niemand würde im Privatleben Solidarität mit einem Freund üben, der zuvor alle schamlos betrogen hat und nun Hilfe benötigt. Also darf man die zahlreichen europäischen Solidaritätsappelle getrost überhören.

Doch die Sache hat leider einen Haken und an dem hängen wir nun schon zum zweiten Male fest. Wie im Falle der Banken soll Hilfe wieder einmal Selbsthilfe sein, da ein abstürzendes Griechenland andere mit in den Strudel reißen und am Ende den Euro oder gar die europäische Gemeinschaft zerstören könnte. Wie Hypo Real Estate, West LB und Commerzbank ist Griechenland plötzlich systemrelevant, schlimmer noch, doppelt systemrelevant, da einige deutsche Banken den Einsturz der Akropolis wohl nicht überleben würden. Und wieder einmal sind wir Geiseln eines Systems, das die Falschspieler belohnt, weil andernfalls das ganze Spiel aufflöge und wir und unsere Spargroschen mit ihm. Und so werden die europäischen Solidaritätsadressen flugs zu handfesten Erpressungen, getreu dem Zockermotto: Lässt du mich fallen, reiße ich dich mit in die Tiefe. So viel zu den Vorteilen der Globalisierung.

Doch lassen wir einmal die Moral beiseite und schauen wie Helmut Kohl darauf, was hinten rauskommt. Dass Griechenland mit seinen 300 Milliarden Euro Staatsschulden durch ein paar Milliarden zu retten ist, glauben weder die Märkte noch die Griechen selbst. Am Ende wird es also einen Schuldenschnitt geben und die jetzt hinterhergeworfenen Milliarden sind dann nur ein Beitrag zum Schrecken ohne Ende, statt endlich ein Ende mit Schrecken zu machen. Und danach kommen Portugal, Spanien, Irland, Italien. Wie nannte das der EU-Finanzkommissar Olli Rehn so entlarvend: Es gibt da einen gewissen Automatismus. Bleibt dann nur noch zu klären, wer denen hilft, die heute noch helfen können – ich fürchte: niemand mehr.

Im Falle der Privat- oder Firmeninsolvenz wäre längst das Amtsgericht eingeschaltet worden, da weder mein Frisör noch der Bäckermeister um die Ecke systemrelevant sind. Nur Europa kennt weder ein Konkursgericht noch den Ausschluss des Schuldners. Es wird Zeit, dass unsere Politiker damit beginnen, diesen Irrsinn zu stoppen, der nur den Banken zusätzliche Gewinne beschert.

Schließlich sind die Tugenden einer schwäbischen Hausfrau nicht schon deshalb unnütz, weil sie einigen EU-Bürokraten und Investmentbankern nicht in den Kram passen. Vor ein paar Jahren wollte ein bekannter Publizist die Bürger auf die Barrikaden rufen. Jetzt wäre der richtige Moment dafür. Selten war die Kluft zwischen den Überzeugungen der vielen und dem Willen der politischen Elite einschließlich des Bundespräsidenten breiter.

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