Gastkommentar : Zwei Wochen Urlaub im KaDeWe

Pascale Hugues über den unverständlichen Charme von Berlin, Knut und ausgefallene Urlaubsziele für Berlintouristen.

Pascale Hugues[Le Point]

Vor ein paar Tagen bin ich mit dem Auto durch die Dominicusstraße gefahren, eine der hässlichsten Straßen Berlins. Jedes Mal, wenn ich hier vorbeikomme, frage ich mich, warum ganz Paris, ganz Tel Aviv, ganz New York, kurz die Jugend der Welt angesichts der deutschen Hauptstadt vor Bewunderung vergeht und davon träumt, hier zu leben. Bestimmt nicht wegen der Dominicusstraße. Ich muss dazu sagen, dass ich gerade eine Woche in Paris war. Und zu den Seine-Quais und den großen Boulevards bildet die Dominicusstraße einen fast unerträglichen Gegensatz. Arme Dominicusstraße.

Im Radio eine Reportage über den Prozess, den der Zoo Neumünster gegen den Berliner Zoo führt. Streitobjekt: Knut (und die Millionen Euro, die er dem Berliner Zoo eingebracht hat). Ich kann nur schwer nachvollziehen, warum ein Bär seit Jahren solche Gefühlsaufwallungen hervorruft. Zumal Knut mit zunehmendem Alter gar nicht mehr so cute ist. Aber gut … „Knut jehört Berlin, wa!“, schreit ein aufgebrachtes Groupie ins Mikro. Wie viele Berliner findet er, dass der Wunderbär für immer und ewig in der Hauptstadt bleiben muss. Anscheinend kommt eine achtbare und nicht mehr ganz junge Dame aus München jeden Monat für eine Woche nach Berlin … einzig und allein, um Knut zu besuchen. Ich stelle mir die Dame vor, wie sie jeden Tag im Kostüm und mit einem kecken Hütchen vor Knuts Gehege steht, in der Hand eine Tüte Croissants, in den Augen innige Liebe (Croissants sind Knuts Lieblingsleckerei): eine Woche lang eingeklemmt zwischen japanischen Touristen und Schulkindern beim Wandertag. Eine Woche Regenschauer. Eine Woche der Geruch von wilden Tieren und uringetränktem Stroh. Ich hoffe, dass die Zooleitung daran gedacht hat, vor Knuts Gehege eine Bank aufzustellen.

Es gab einmal eine Zeit, da galt es bei den reichen und gelangweilten Ehefrauen der Bourgeoisie als besonders schick, im vorweihnachtlichen London eine Woche lang zu shoppen, in Paris eine Woche lang Antiquitäten zu kaufen, in Florenz die Museen zu besuchen, in New York die Ausstellungen, in Rom die Kirchen, in Lyon die Restaurants, in Mailand den Schlussverkauf, in Venedig den Karneval … Aber eine Woche bei Knut im Berliner Zoo! So etwas habe ich noch nie gehört! Ich frage mich, ob die Münchner Dame – und im Übrigen auch ganz Berlin – sich nicht in einem vorgerückten Stadium der Zoophilie befindet. Knut, so die Initiatoren von Knut forever in Berlin, gibt vielen Menschen ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit in dieser schwierigen Zeit. Was für eine merkwürdige Zeit, wo Erwachsene einen großen weißen Bären brauchen, um ihre Ängste vor der Zukunft zu zähmen. Ein lebendiger Teddybär gegen die Krise. Ein Objekt der kollektiven Übertragung, um abends im Bett zu vergessen, dass die Börsenkurse in den Keller stürzen und die Unternehmen ihre Mitarbeiter mit vollen Händen entlassen. Die Initiative Knut forever in Berlin hat schon 26 560 Unterschriften gesammelt, schneller als Pro Reli. Und wer weiß, ob am Sonntag, den 7. Juni, auch so viele Berliner mit vergleichbarem Enthusiasmus ihren Garten verlassen und sich in die Wahlbüros begeben, um ihre Europa-Abgeordneten zu wählen. In dieser Stadt haben weder Europa noch der liebe Gott so viel Gewicht wie ein Eisbär.

Ja, in Berlin scheint es noch mehr ausgefallene Urlaubsziele zu geben. Jemand hat mir erzählt, dass ein pensionierter Beamter jedes Jahr aus der tiefsten deutschen Provinz anreist, um eine Woche in der Lebensmittelabteilung des KaDeWe zu verbringen. Jeden Morgen erscheint er bei Ladenöffnung und geht erst bei Geschäftsschluss. Immerhin kann ich mich mit dem Beamten eher identifizieren als mit der Dame aus München. Eine Woche zwischen Käse, Austern und erlesenen Weinen – davon kann ich eher träumen als von den Dunghaufen in Knuts Gehege. Die 6. Etage im KaDeWe ist das Nirwana auf Erden.

Die Reiseveranstalter, die um die originellsten Urlaubsreisen für ihre blasierte Kundschaft konkurrieren, müssen ihre Kataloge rasch ergänzen. Hier ist ein wegweisendes neues Angebot: Schluss mit dem Gedränge an den Stränden der Côte d’Azur, Schluss mit den Pilgerreisen auf dem Jakobsweg, dem Segeln auf den Seychellen, Schluss mit dem Urlaub auf dem Bauernhof im Allgäu, dem Hausboot in Irland oder auch nur dem Camping. „Was sagen Sie zu zwei Wochen im KaDeWe im August? Ich hätte da auch noch einige Plätze für drei Wochen all inclusive im Gehege von Knut.“ Eine Safari in der Heimat. Praktisch. Günstig. Die Exotik direkt vor der Tür. Wie es aussieht, liegt Urlaub in Deutschland voll im Trend. Also überlegen Sie es sich, die Sommerferien stehen bevor.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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