Gaucks erste Rede : Von nun an zur Sache

Für Gerd Appenzeller bleiben vor allem zwei Punkte aus Gaucks erster Rede in Erinnerung. Sein entschiedenes Eintreten gegen den Rechtsextremismus und sein Plädoyer, in Zeiten der Krisen mehr Europa zu wagen.

von
Mehr als Freiheit - bei seiner ersten Rede machte Gauck einen thematischen Rundumschlag.
Mehr als Freiheit - bei seiner ersten Rede machte Gauck einen thematischen Rundumschlag.Foto: dapd

Vielleicht musste er das so machen, damit endlich mal Ruhe ist mit den Vorwürfen, da rede einer immer nur von Freiheit und von nichts als Freiheit – als wäre das ein so belangloses Hauptthema wie die Frage, wo das Bier am billigsten ist. Also hat Joachim Gauck bei seiner ersten großen Rede als Bundespräsident in dreißig Minuten so ziemlich alles hineingepackt, was seine Kritiker bisher vermissten. Er sprach über Europa, über die soziale Gerechtigkeit, über die Bedeutung der Chancengleichheit, er verdammte die alten und neuen Nazis, er lobte die 68er („trotz aller Irrwege“), pries die Bürgergesellschaft, rühmte die gesamtdeutsche Wertegemeinschaft, setzte sich vehement für Integration ein, schwärmte vom Wunder der (west)deutschen Nachkriegsdemokratie und forderte immer wieder Mut und Selbstvertrauen. Am Ende schienen alle zufrieden zu sein, er selbst mit sich deutlich sichtbar auch. Und nun? Alles paletti?

Vereidigung von Joachim Gauck
Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: dapd
23.03.2012 16:20Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.

Keine Spur. Jetzt muss er sich anhören, er habe sich überall eingeschmeichelt, jedem nach dem Mund geredet, das ganz große Phrasenfass aufgemacht, sei fast schon beliebig geworden in diesem Rundumbedienen aller relevanten Themen. Vor allem aber sei ihm seine Zeit in der DDR, sein Leben im anderen Staat, keinen Absatz wert gewesen, die Erfahrungen von rund 18 Millionen Ostdeutschen habe er somit auf die letzten Wochen oder Monate des real existierenden Sozialismus reduziert, so als sei er der einzige widerständige Mensch in diesem Regime gewesen.

Moment mal! Der 72-jährige, ehemalige Rostocker Pfarrer Joachim Gauck hat vor Bundestag und Bundesrat keine Bilanz einer fünfjährigen Amtszeit als Bundespräsident gezogen, sondern beschrieben, was Deutschland für ihn bedeutet, was er an diesem Land, ja, das Wort darf man benutzen, liebt, was er für bewahrenswert hält, wofür er sich einsetzen will. Das war von deutlich mehr Tiefgang geprägt als die Antrittsrede von Christian Wulff vor knapp zwei Jahren, und es lohnt sich auch, die Jungfernrede von Horst Köhler aus dem Jahr 2004 zum Vergleich zur Hand zu nehmen. Der hatte nämlich damals, wie Gauck eben dann jetzt auch, viel von Freiheit geredet. Aber sein Begriff von Freiheit war eher einer der Befreiung der Wirtschaft und der Gestaltungskraft des Einzelnen von Reglementierungen, während Gaucks Freiheit ganz deutlich eine Freiheit von Diktatur ist. Er nannte sie die Bedingung für Gerechtigkeit, so wie im Umkehrschluss Gerechtigkeit die Voraussetzung dafür sei, Freiheit überhaupt erlebbar zu machen. Dass jemand so reden muss, der durch das Erleben fehlender Freiheit geprägt wurde, kann doch ernsthaft nur den überraschen, der dem zwar unfreien, aber wirtschaftlich auf niedrigerem Niveau stabileren und vor allem gleicheren Leben in der DDR gegenüber dem jetzigen Zustand den Vorzug gäbe.

Zwei Dinge sollte man sich aus dem Gauck’schen Kanon merken. Das inbrünstige Eintreten für Demokratie und Menschenwürde, verbunden mit dem deutlichen Stoppzeichen für den Rechtsextremismus, lässt einen Bundespräsidenten vorstellbar werden, der sich an die Spitze einer Demonstration gegen Neonazis stellt. Der Satz „Euer Hass ist unser Ansporn“ wird bleiben. Das Plädoyer, in Zeiten der Krisen mehr Europa zu wagen, knüpft nicht zufällig an Brandts „Mehr Demokratie wagen“ an. Jetzt sollten wir diesen Präsidenten mal machen lassen. Bequem wird er nicht sein. Everybody’s Darling, wie an diesem schönen Freitag, war mit Sicherheit eine Ausnahme.

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben